Von den Nibelungen zum Wachbauern

Eine Kulturreise durch Bayern

Die Außenrinde der Baumstele schaut nach innen

Die Nibelungen überqueren bei Ingolstadt die Donau, Kaiserin Sisi singt als Kind in Dachauer Wirtshäusern, Fussballer hüten das Buchheim-Museum und der Wachbauer ist "vom Malen wie besoffen".

Schrottkunst
beim Wachbauern

Schon als Zehnjähriger radelte der Bauernsohn Hans Wach zwanzig Kilometer die Isar entlang von Irschenhausen in die Landeshauptstadt München, um im neu gebauten Haus der Kunst Bilder anzusehen. Diese früh erwachte Leidenschaft hat ihn nie verlassen. Neugierig besucht er auch heute noch so viele Ausstellungen wie ihm seine Arbeit und seine Gesundheit gestatten. Inzwischen bewirtschaftet der Sohn des 78-jährigen Wachbauern den Hof, der seit rund zwei Jahrzehnten selbst zur Kunstattraktion geworden ist.

Den Wachhof, den es schon seit dem Barock gibt, bewacht ein Erzengel aus Schrott, im Obstgarten tummeln sich rostige Fabelwesen, an Scheune und Stall hängen farbenprächtige Gemälde im Großformat. Nichts davon erinnert an die Kunstkarten aus den 30er Jahren, die der Wachbauer als Bub aus München mitgebracht hat, aber nicht mehr herzeigen möchte.

Der Wachbauer und

Lange hat er im Stillen gemalt, bis er sich 1978 entschloss, an einem Malkurs teilzunehmen. Er erinnert sich: "Dort haben wir großformatiges Packpapier, große Anstreichpinsel bekommen und den Auftrag, zu malen, was wir zu den Jahreszeiten empfinden. Ich habe meine Gefühle auf Papier gebracht, ganz ohne Gegenstände, nur Farben. Ich wurde davon wie besoffen. Ich habe gemerkt, dass es das war, was ich immer schon wollte. Ich war in Hochstimmung und habe angefangen mich mit großen Formaten am Boden auszutoben." Diese Begeisterung ist ihm bis heute geblieben. 

seine Lieblingskuh Stasi

Drängt man ihn, ein Vorbild für seine Kunst zu nennen, verweist er auf die Jungen Wilden, die Anfang der 80er Jahre mit breitem Pinselstrich, grellen Farben, die tot geglaubte Malerei neu belebten. Als in Kloster Irsee Bernd Zimmer, ein Vertreter dieser Richtung, einen einwöchigen Kurs ankündigte, hat sich Wach sofort angemeldet. Der Avantgarde-Künstler hat den Bauern noch zusätzlich angespornt. Von der intellektfeindlichen Theorie der Jungen Wilden erzählt Wach nichts, teilt aber ihre Spontaneität und die Liebe zu den großen Formaten, wie man unschwer am Porträt seiner Lieblingskuh Stasi erkennen kann. Kühe liebt und malt der Bauer mit einer lebendigen Wehmut. Schon von vielen Jahren musste er den Milchbetrieb aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Heute dient der Stall zum Malen und als Garage für Autos, die hier von Städtern ebenso untergestellt werden wie die Pferde, die auf den früheren Kuhweiden galoppieren.

Der Wachbauer malt nicht nur Kühe und Schweine. Andere Arbeiten erinnern an bayrisches Brauchtum, wie seine Schießscheiben. Allerdings zieren sie meist recht eigenwillige Motive, wie etwa die Karikatur des ehemaligen bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Joseph Strauß. Oft fährt er mit dem Traktor, ein paar Eimern Acrylfarbe und Leinwand in den Wald, wo er die Dunkelheit der Bäume einfängt. So sehr Wach seine Heimat liebt, so wenig haben seine Werke etwas mit ihrer Verklärung zu tun.

Bekannt ist der Wachbauer vor allem wegen seiner Schrottplastiken Trotz Rheuma und Bandscheibenproblemen kann er nicht an einem Schrotthandel vorbeigehen, ohne nach besonderen Stücken zu suchen. So entdeckte er kürzlich einen Rollwagen, der jahrelang im Wasser vor sich hin gerostet hatte. Die Karre leuchtet in fleckigem Rostrot und in den Rädern haben sich Flusskiesel wie Korallen festgesetzt. Er findet die Karre perfekt, er wird sie wohl unverändert stehen lassen, auch wenn seine Frau davon nicht so begeistert ist. Zu seinen aufwändigeren Werken gehört die Familie mit Kind – vielleicht ist es auch ein Hund, so genau lässt sich das nicht sagen. Andere Werke, wie der Schutzengel am Eingang, stammen nicht von ihm. Junge Künstler haben sich von ihm anregen lassen und bei ihm ihre Schrottplastiken zusammengeschweiß.

Der Schrottengel bewacht den Hof des Wachbauern

Wenn dem Wachbauern etwas gefällt, ist er sich nicht zu schade, es zu kopieren oder zu kaufen. Ihm fehlt der Originalitätsanspruch, mit dem viele Künstler auftreten. Er geht sogar so weit, zu behaupten, dass seine Frau Irmgard, mit ihrem Garten – vor allem den Rosen – die eigentliche Künstlerin im Hause ist.

Ein Kopie ganz eigener Art ist auch die rund 20 Meter hohe Baumstele, mit der er seinen Lieblingsplatz mit Aussicht auf das Isartal schmückt. Bei einem befreundeten Schreiner hatte er eine zwei Meter hohe Plastik entdeckt, bei der ein junger Baum längs gevierteilt und so aufgestellt wurde, dass die runden Außenseiten nach innen schauten, wodurch sich nach außen ein quadratischer Grundriss ergab. "So etwas wollte ich auch", so der Wachbauer, "aber in voller Baumhöhe." Er wählte eine imposante 150-jährige Lärche. Besonders fasziniert ihn, dass es dem Betrachter fast schwindlig wird, wenn er aus der Mitte der Installation die Stammsegmente hochschaut und darüber die Wolken hinwegziehen sieht.

Begeistert berichtet Wach auch von seinem ersten Besuch im Buchheim-Museum am Starnberger See. Beeindruckt haben ihn neben den Expressionisten vor allem die bunt bemalten Flachskulpturen von Hans Schmitt. Er sei so aufgeregt gewesen, dass er nach seiner Rückkehr sofort alles mögliche Material zusammengesucht und angefangen habe, zu nageln und zu malen bis er eine ähnliche Plastik im Hof stehen hatte.


Die Buchheim-Sammlung:
Ernste und vergnügliche Kunst

Buchheim-Museum

Von der Sammlung Buchheim ist nicht nur der Wachbauer begeistert. Das erst im Mai 2001 eröffnete Museum verzeichnet einen Besucherrekord nach dem anderen. Es hat sich als Ausflugsziel für die ganze Familie bewährt. Das liegt nicht nur an der hochkarätigen Expressionismus-Sammlung, die hier gezeigt wird, sondern auch an seinem spielerischen Konzept und der idyllischen Lage des Gebäudes am Westufer des Starnberger Sees bei Bernried. Zu erreichen ist es von Starnberg aus über die Landstraße oder – schöner noch – per Linienschiff. Schon am Parkplatz wird der Besucher von freundlichen Holzgiraffen empfangen. Von dort schlendert er an einem exotischen Pavillon vorbei und sieht schon von weitem auf der Wiese ein Fußballtor mit Spielern im grünen Dress. Das vom Stuttgarter Architekten Günter Behnisch entworfene Kunstmuseum trägt mit warmen Holz und weißen Putz zum freundlich-zwanglosen Empfang bei. Das vielgliedrige und langgestreckte Gebäude schmiegt sich wie eine elegante Mischung aus Ausflugsdampfer und Badehaus in die Uferwiese und streckt seinen Landungssteg weit in den See.


Kunstwerk für Fussball-Fans

Das Museum verdanken wir vor allem den hochkarätigen Grafiken und Gemälden berühmter Expressionisten, die der eigenwillige Kunstverleger Günter Buchheim einst günstig erworben hat. Max Beckmanns "Selbstbildnis mit schwarzem Hut" kostete ihm kurz nach dem Krieg nur 30 Mark. Vor allem sammelte er Expressionisten aus den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Darunter befinden sich die Paradies-Fantasien von Otto Müller mit den unschuldig-nackten Mädchen oder Erich Heckels Porträt des im glühend roten Hemd schlafenden Malerkollegen Max Pechstein. Nicht weniger bekannt sind Ernst Ludwig Kirchners "Akt auf blauem Grund", die leuchtenden Blumen Emil Noldes oder die norddeutschen Landschaften von Karl Schmidt-Rottluff. Die Maler der Dresdner Expressionisten-Gruppe "Brücke" sind fast vollständig vertreten. Zur Sammlung gehören aber auch der "Krieg" von Otto Dix oder "Der tanzende Derwisch" von Lovis Corinth. Um diese Schätze zeigen zu dürfen, hat der Freistaat hohe Baukosten und jahrelange Querelen um die Sammlung und den Bauplatz in Kauf genommen.

Den offiziellen Titel "Museum der Phantasie" verdient sich das Museum jedoch erst durch die so genannten "Nebensammlungen". Überall im Hause finden sich fantasievolle, oft bunte Plastiken – darunter die flachen Holzfiguren von Hans Schmitt. Buchheim hat darüber hinaus Kitschporzellan gesammelt, gläserne Briefbeschwerer und Puppen aus aller Herren Länder. Afrikanische Masken sind in Bernried ebenso ausgestellt wie Pop-Plakate der 70er Jahre oder Zirkusdarstellungen. Besonders liebenswert sind die aus Herbstlaub komponierten Tierbilder. Eigentlich, so die ursprüngliche Idee Buchheims, hätten all diese Gegenstände zwischen den Meisterwerken der Brücke-Künstler stehen sollen – eben um die Fantasie anzuregen. Doch in einem derartigen Museum wären die Exponate kaum zu schützen gewesen. Aber auch so bieten die Nebensammlungen Vergnügen und Erholung von der "ernsthaften" Kunst.

Kaiserin Elisabeth, genannt Sisi.
(Urheberrechtsrfeie Fotografie; quelle: wikipedia)

Kaiserin Sisi in der
Heimat der Wittelsbacher

Zu den häufigen Besuchern des Starnberger Sees gehört die österreichische Kaiserin Elisabeth, die in Pöcking ein Sommerschloss besaß. Dort erholte sie sich vom anstrengenden Wiener Hofzeremoniell und traf sich mit König Ludwig II. auf der Roseninsel.
Pöcking sollte ihr einen anderen Sommersitz ersetzen, das Wasserschlösschen Unterwittelsbach bei Aichach. Dort hatte sie viele unbeschwerte Kindheitstage verbracht.

Zu den Anekdoten aus dieser Zeit gehört, wie der Vater, Herzog Max in Bayern, sie in die Wirtshäuser nach Aichach und Dachau mitnahm. Als Bauer verkleidet spielte er dort die Zither und Sisi tanzte dazu. Danach soll sie mit dem Hut herumgegangen sein, um den Gauklerlohn einzusammeln.

Gesichert ist, dass sie vom Wasserschloss aus mit dem Herzog ausritt und auf die Jagd ging. Noch heute lockt der dichte Wald hinter der Sommerresidenz zu einem Spaziergang den ehemaligen Burgberg hoch nach Oberwittelsbach, wo nur noch eine von Ludwig I. gestiftete Stele an den schon 1209 zerstörten Stammsitz des Herrschergeschlechts erinnert.

Die Wittelsbacher stellten von 1180 bis 1918 Herzöge, Kurfürsten und die Könige von Bayern. Sisis Vater hatte die Nähe zum Stammsitz des Hauses Wittelsbach gesucht und deshalb 1838 den schlichten Landsitz mit der gotischen Kapelle an seiner Seite erworben, den er seine "Burg" nannte.

Heute wird das "Sisi-Schloss" von der Stadt Aichach für Ausstellungen rund um das Haus Wittelsbach genutzt. Zu sehen ist derzeit [Herbst 2004]: "Imperiale Festlichkeit – Feiern bis zur Zeit der Kaiserin Sisi“. Gezeigt werden Festszenen von der Antike bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Selbst Festschmuck aus dem kaiserlichen China lässt sich dort bestaunen.

Höhepunkt der Ausstellung ist die gedeckte Festtafel im oberen Vestibül Auf ihm glitzert das schlichte und zugleich hochedle Meißner Porzellan, das Elisabeth von Bayern von ihrer Schwiegermutter Sophia von Habsburg zur Hochzeit im Jahr 1854 geschenkt bekam. Unauffällig aber unübersehbar ist jedes Teil mit einem kleinen österreichischen Wappen versehen – wenn auch der weiße Streifen der Landesfahne zwischen den beiden roten längst zu einem trüben dunkelgrau korrodierte.

Eigentlich will das elegante Service nicht so recht in das schlichte Wasserschlösschen passen. Die Festtafel steht für das strenge spanische Hofzeremoniell, an das sich Kaiserin Elisabeth zeitlebens nie gewöhnte.  

Das schlichte Sisi-Schlösschen Unterwittelsbach, am Fuße des ursrpünglichen aber schon im Mittelalter geschleiften Stammsitzes

Näher kommen dem ungezwungenen Charakter des herzöglichen Feriensitzes die Exponante im Erdgeschoss, die der Jagdleidenschaft des Adels huldigen oder sich den Festen der einfachen Leute im 18. Jahrhundert widmen. Zu sehen sind geschnitzte Schwarzwälder Trachtenfiguren aller Stände auf einem Jahrmarkt oder auch eine an flämische Gemälde erinnernde Bauernkirmes auf Öl von einem unbekannten Künstler. Den passenden Kontrast dazu bieten die neckischen Schäferspiele des Barock-Adels, die zeitgemäß in damals sündteures Porzellan modelliert wurden.

Nibelungen-Schicksal
an der Donau

Wenige Jahre nachdem Kaiser Friedrich Barbarossa 1180 die Herzogswürde von den Welfen auf die Wittelsbacher übertragen hatte, beauftragte vermutlich der Passauer Bischof einen seiner Ministerialen das Nibelungen-Lied aufzuschreiben. Es wird um 1200 fertiggestellt und erzählt im 25. Abenteuer, wie der heidnische Recke Hagen von Troje am Grenzfluss nach Bayern von einer Flussnymphe erfährt, dass niemand außer dem christlichen Kaplan König Gunthers die Reise überleben wird.

"Sie sprach: Nun merket Hagen!
Es wird sich so begeben,
dass von euch nicht einer   
davonkommt mit dem Leben.
Allein des Königs Kaplan.    
Von dem sei euch bekannt:
Der kommt gesund wieder   
heim in König Gunthers Land."                              
(Vers 1542)

Tatsächlich hatte Kriemhilde die Burgunder nur eingeladen, um sich an ihnen für den Tod ihres ersten Mannes Siegfried zu rächen.

Hintergrund der Geschichte ist der Untergang des burgundischen Reichs im 5. Jahrhundert. Die Hunnen unter Attila haben damals im Auftrag der Römer die Burgunder bei Worms vernichtend geschlagen. Eine Reise des Wormser Hofes über die Donau zu Kriemhilde und ihrem Gemahl König Etzel – wie Attila in der Sage heißt – hat es also nie gegeben.

Ein Denkmal schmückt eine Betonbrücke an der Stelle, an der einst die Niebelungen die Donau per Fähre überquert haben sollen.

Besser als auf der vielbefahrenen Straße über den kanalisierten Fluss lässt sich die Flussüberquerung jedoch bei den nahe gelegenen Auhöfen nachempfinden. Sie sind ausgeschildert, wenn man der Straße weiter in Richtung Vohburg folgt. Das Gehöft hat schon zu Zeiten der Nibelungen existiert und auch die Donau gleicht dort weit eher dem in viele Seitenarme zergliederten Fluss des Frühmittelalters. In dem idyllischen Weiler steht zudem noch eine romanische Kapelle.

Hermann Gfaller
in leicht gekürzter Fassung erschienen in Land erleben 1/2004 (Deutscher Landwirtsschaftsverlag)