Leises Weinen statt großes Spektakel

Das letzte Filmfest von Festivalleiter Andreas Ströhl

Anfang und Ende dieses Filmfests sind zum Weinen. Dafür hat der scheidende Festspielleiter Andreas Stöhl mit dem Eröffnungsfilm "Der Junge mit dem Fahrrad" ebenso gesorgt wie mit dem Abschlussfilm "Le Havre". Aber oft geht man ja ins Kino, um sich bewegen zu lassen. Und Ströhl möchte mit seinem künstlerischem und gesellschaftlichen Engagement in Erinnerung bleiben. 


 

Der Junge mit dem Fahrrad

Ein nüchternes Sozialisierungsmärchen

Das Filmfest wagt mit „Der Junge mit dem Fahrrad“ einen Eröffnungsfilm fast ohne Glamour. Immerhin hat der Filme einen Preis in Cannes gewonnen - vielleicht auch, weil die beiden Belgier die weibliche Hauptrolle erstmals mit einem Star, der Französischen Schauspielerin Cécile de France, besetzt haben. Der eigentliche Held aber bleibt der vom Vater ins Heim abgeschobene elfährige Cyril. 

 

 


Der unerfüllbare Traum von einem sicheren Hafen

Le Havre, der bezaubernd traurige Abschlussfilm von Aki Kaurismäki

Zwei Welten prallen in Aki Kaurismäkis  „Le Havre“ aufeinander: Untergegangene Moralvorstellungen trotzen hier unserer funktionalen Welt, in der betrügerische Finanzhaie finanziert und afrikanische Armutsflüchtlinge wie Schwerverbrecher gejagt werden. Der Regisseur ist sich bewusst, dass er in seinem „ohnehin unrealistischen“ Film keine Antworten geben kann. Stattdessen erzählt er ein verzweifeltes Märchen mit Happy End. 





Jenseits von Bollywood

Filmfest München 2010

Indien ändert sich. Insbesondere die IT-Branche erzeugt eine an westlicher Kultur orientierte Mittelschicht, denen gängigen Sozialisierungs- und Märchenschemata der dortigen Filmindustrie nicht mehr reichen. Und so versprach die Festspielleitung Filme jenseits der Bollywood-Klischees. Wer nun aber soziales Kino à la Fassbinder oder Herzog erwartet wird enttäuscht.


Engagement statt großer Emotionen

Filmfest München 2010

Das Münchner Filmfest dräut. Dabei setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort, der wegführt von den großen Gefühlen und hin zu politischen Themen. In diesem Zusammenhang darf man besonders auf die indischen Filme jenseits von Bollywood gespannt sein.

Das Filmfest scheint sich vom Volksfest zur Fachmesse zu entwickeln. Am Augenfälligsten wird das am diesjährigen Plakat. Keine emotionale Filmszene, kein Kuss, kein Star, nur ein himbeerroter Schriftzug auf grellgelbem Hintergrund. Von den einst großen Gefühl blieb nur noch die Poesie des in den vergangenen Jahren eingeführten Löwenzahn-Fallschirms. Festspielleiter Andreas Ströhl beschreibt die Veranstaltungen mit seiner Vielzahl an Preisen als Starthilfe für Newcomer, als Börse der Verleiher für neue Filme. Kollegial träfen sich hier die Filmschaffenden, weil der harte Wettkampf um Palme oder Bär fehle, es lediglich um Förderpreise, um die Aufmerksamkeit der Verleiher und die Gunst des Publikums ginge.

Hat die Filmfestleitung die Nase voll davon, jedes Jahr gegen das möglicherweise schöne Wetter und fast jedes Jahr gegen die Fußballbegeisterung Zuschauer in dunkle Kinosäle zu locken? Tatsächlich klingt die Art, wie Festspielleiter Ströhl über das Publikum in sein Konzept einpasst etwas befremdlich: „Bei uns können die Filmemacher und Verleiher einen Eindruck gewinnen, wie die Produkte auf das Publikum wirken.“

Eine neue Zielgruppe versucht sich die Festivalleitung zudem durch eine Reihe für Filmmusik zu erschließen und lockt hier mit  Howard Shore, der für das Schweigen der Lämmer und den Herrn der Ringe komponiert hat. Am Vorabend der Filmfesteröffnung präsentieren das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks im Circus Krone das "Cinema in Concert"  aber auch Kompositionen weiterer Musikgrößen wie von John Williams (Der Soldat James Ryan) oder von Ennio Morricone (Spiel mir das Lied vom Tod).

Auf das inhaltliche Programm des Festivals scheint das neue Konzept wenig Auswirkungen zu haben. Formulierungen der Kuratoren wie "fremd im eigenen Leben" (für die deutschen Filme) und "Abbild einer Welt im Aufruhr" (internationales Programm) signalieren den anhaltenden Trend zum kritischen Realismus. So dominieren politische Themen vom Belusconi-Bashing zum Second Life im Internet.

Wie gewohnt strukturieren jedoch die vielen an Kulturen wie Südamerika, Indien und Fernost orientierten Reihen das Filmfest. Damit wir ein breites Publikum mit dem nie nachlassenden Hang zur Exotik erreicht. Bodenständiger geben sich die Fernsehproduktionen, bei denen sich Couch-Potatoes ihre Krimis schon vor allen anderen ansehen können. Zu den Rennern dürfte hier der Niederbayern-Krimi: „Sau Nummer vier“ gehören. Zum Mitreden unter Cineasten, die es nicht nach Cannes geschafft haben gibt es natürlich die dortigen Sensationen wie Apichatpong Weerasethakuls Onkel Boonmee zu sehen.

Spannend wird  die Wiederbegegnung mit dem neuen deutsche Autorenkino von vor 30 Jahren, die allerdings mit vier Beiträgen (darunter Rainer Werner Fassbinders „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“ und der Directors Cut von Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ etwas knapp ausgenfallen ist. Werner Herzog präsentiert lieber mit einem neuen Film (My Son, My Son, What have ye done?) wie das gesellschaftliche Denken der 70er Jahre auch heute noch und in der USA aktuell sein kann. Die Werkschau gilt dieses Jahr keiner Hollywood-Größe, sondern dem österreichischem Dokumentarfilmer  Ulrich Seidl.

vom 25. Juni bis 3.Juli




The Bands Visit

2007: Eröffnungsfilm aus Israel

An der Bushaltestelle ausgesetzt Quelle: Concorde Filmverleih

Einst, es ist nicht lange her,
landete eine kleine ägyptische Polizeikapelle in Israel.
Sie kamen, um bei einer Zeremonie aufzuspielen, doch
– ob wegen bürokratischer Irrläufer, Pech oder anderen Gründen –
sie strandeten sie schon am Flughafen.

Sie versuchten, sich alleine durchzuschlagen, nur
um in einem trostlosen israelischen Wüstenkaff zu landen.

Eine verlorene Kapelle an einen verlorenem Ort.
Kaum jemand erinnert sich. So wichtig war es nicht …






Winterreise

2006: Das Ende des Todes

Franz Brenninger (Sepp Bierbichler) und Leyla (Sibel Kekilli) auf Winterreise in Kenia.

"Winterreise", einem Film von Hans Steinbichler (Hierankl), kommt am 23. November ins Kino.

Kenianische Wolken,
Ein Regenbogen
Öffnen das Inn-umschlossene
Wasserburg.

Abgründige Lieder …


Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Filmfest München 2004

Wenig ist über den niederländischen Maler Johannes Vermeer van Delft bekannt. Dieses Wenige jedoch und seine Bilder haben schon oft dazu angeregt, die Wissenslücken mit Romanen und jetzt mit einem Film zu füllen. So erzählt der diesjährige Eröffnungsfilm des Münchner Filmfests die fiktive Geschichte des „Mädchens mit dem Perlenohrring“, das auf dem gleichnamigen Porträt von 1665 dargestellt ist.


Kunst diesseits von Hollywood

Filmfest 2003

Auf dem Münchner Filmfest wurden nicht nur Kino- und Fernsehproduktionen gezeigt, sondern auch die Werke, die vor allem in Museen und Galerien zu sehen sein werden. Geplant war ein Crossover, eine Begegnung von Kunst und Kommerz. Bei der Panel-Diskussion über Video-Art und Experimentalfilm blieb die eher kommerzferne Kunst jedoch unter sich.



vom 28. Juni bis 6. Juli 2013

Festival-Chevin Diana Iljine setzt im zweiten Jahr ihrer Ägide weiter auf Klasse statt Masse und versucht, die Cineasten mit rund 180 Filmen (20 weniger als sonst) zu begeistern. Spannend klingt der Ansatz, endlich auch auf Fernsehserien, die in den USA vielfach das marode Hollywood-Kino qualitativ überholt haben ins Programm aufzunehmen. 

 

Bekannt ist bereits, dass das Filmfest in diesem Jahr von Caroline Links „Exit Marakesh“ eröffnet wird. Dem belanglos-netten Vorjahres-Entree über einen kanadischen Samenspender (Starbuck) folgt in diesem Jahr die Geschichte eines jungen Mannes aus geschiedener Ehe, der seinen leiblichen Vater mit seinen Vorwürfen konfrontiert. Ein Familien-Drama in marokkanischen Farben.  

 

Je nach Blicklwinkel wird es in der Reihe „Neues Deutsches Fernsehen“ spannend oder langweilig. Dort wird geboten, womit die Wohnzimmer schon seit Jahren überflutet werden: Leichen.  Ein Thema, dass ich auch nach 43 Jahren Tatort  nicht abgenutzt zu haben scheint. Allerdings werden die Schauplätze zunehmend unwahrscheinlich.  So werben inzwischen nicht mehr nur Großstädte mit ihren fiktiven Morden, sondern zunehmend auch das Allgäu, den Chiemsee, Niederbayern und ander Gegenden, in denen solche Straftatenb bislang (fast) nur aus dem Fernsehen bekannt sind. 

Die wirklich spannenden Filme werden noch angekündigt. 

In früheren Jahren: 
2011: Der Junge mit dem Fahrrad
2010: Verloren in der Welt
2009: TV-Vorschau und Kunst
2008: Anspielen gegen Fussball
2007: The Band's Visit
2007: J'attends quelqu'un
2007: Holunderblüte
2006: Winterreise
2004: Das Mädchen mit dem Perlenohrring


 

Filmfest München 2011

Das wichtigste Thema:

Kinder sind die Helden. In unserer Welt müssen sie es sein.

In früheren Jahren:

2010: Jenseits von Bollywood
2009: TV-Vorschau und Kunst
2008: Anspielen gegen Fussball
2007: The Band's Visit
2007: J'attends quelqu'un
2007: Holunderblüte
2006: Winterreise
2004: Das Mädchen mit dem Perlenohrring


Yo Tambien (Mee Too)

Foto: Filmfest München

Die spanische Liebesgeschichte des durch Down-Syndrom behinderten Daniel (Pablo Pineda) und der blonden Laura (Lola Dueñas) erobert als Sommerfilm derzeit das deutsche Publikum. Eine leichtfüßig daherkommende Rührgeschichte aus sonnigen Gefilden, die nicht zufällig das Filmfest eröffnete.


Love, Sex aur Dhoka

Jeseits von Bollywood

Bei Love, Sex aur Dhoka (laut Regisssuer so viel wie Karma oder Dao, also etwa spiritueller Weg) handelt es sich um einen in der Moderne angekommener indischer Film, der Wirklichkeit und ihre mediale Vermittlung auf dem Halbkontinent reflektiert. Dabei geht es insbesondere um das doppelbödige Verhältnis gerade westlich erzogener Inder zwischen einer von Gandhi vorgegebenen Staatsideologie und seit Jahrausenden eingeübten Klassen/Kasten-Unterschieden.



Redland

Filmfest München 2010

Der Erstlingsfilm von Asiel Norton spielt während der Großen Depression in den kalifornischen Wäldern. Er wirkt aber nicht wegen der Assoziationen zur aktuellen Wirtschaftskrise, sondern vielmehr durch seine großartigen Naturbilder, in denen menschliche Artifakte störend und schäbig wirken. Auch die Protagonisten wollen sich nicht so recht in die Wildnis fügen - nur die nymphenhafte Heldin scheint eins mit ihrer Natur und ihrer Umgebung.





J'attends quelqu'un: Warten und Helfen

von Jérome Bonnell

Sabine, Louis' heimliche Geliebte – für Geld …

Am Ende schleift der große zottelige Hund seine Leine über eine Landstraße. Will er zurück zu dem Paar, das sich seiner angenommen hat, sucht er seine Herrin, die ihn verlassen hat, um der Polizei zu entfliehen, oder genießt er nur einfach seine Freiheit?




Journey to Justice

Doku von Steve Palackdharry

Vertrieben aus der
Vaterstadt an der Isar
Gemordet Vater, Mutter, den Greis
Und der Kinder Jugend.

Der Rückkehrer fand,
Die Waffe in der Hand,
Vergeltung,
Fand zerstörte Städte und
Gerichtete Mörder.
Verzeihen war nicht nötig

Leichten Schritts fand er
Alte Wege wieder,
Neue Freunde und
Wohlige Vertrautheit

Nur
Der Sohn bleibt unversöhnt.
Demonstriert mit
Kippa und Kamera
Altes Testament,
Beharrt streng auf Fremdheit
für Alle bis ins zwölfte Glied.

"Nicht eine Sekunde,
Darf sich einer hier je
Zuhause fühlen,
wie mein Vater"

Howard Triest ist 1939 vor den Nazis aus München geflohen und hat – als GI zurückgekommen – den Nürnberger Prozess aus unmittelbarer Nähe miterlebt. Nun kommt er im neuen Jahrtausend mit seinem Sohn zurück und sucht Kindheitserinnerungen auf.