Propaganda von der Antike bis heute

Andre Barovs digitale Kunst im Museum für Abgüsse

Barovs digitale Bilder bringen Farbe ins Münchner Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke

München, November 2005 – Mit dem Computer erstellte Tafelbilder von Andrej Barov bringen derzeit Farbe in das Münchner Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke. Dort dominiert sonst das schlichte Weiß von Gips und die edle Größe antiker Plastiken. Eine Vortragsreihe (siehe: Antike und digitale Muster der Aufklärung) beleuchtet zudem die Hintergründe von 2500 Jahren Bildpropaganda.

Auf den ersten Blick haben die oft abstrakten Werke des russischen Künstlers wenig mit dem Museum zu tun. So fotografierte er etwa in der Serie "Gehirnwäsche" Waschmittel-Verpackungen und versetzte sie am Rechner nach dem Vorbild der Waschmaschine in Rotation, bis nur noch farbige Kreise zu sehen waren. Das Ergebnis: Das Design der Marke bleibt erkennbar. Das gleiche Resultat erzielte er bei "Colours of Fragrance". Für diese Serie hat er Parfum-Flakons aufgenommen und deren Inhalt zu großen monochromen Tafelbildern im Stil gebürsteten Metalls verfremdet, der derzeit auf Apple-Rechern en vogue ist. Das kupferne Goldgelb von Chanel Nr. 5 bleibt ebenso erkennbar wie das lichte Hellblau von Kenzo Hommes. Barov zeigt auf, wie viel Mühe sich die Industrie gibt, Werbebotschaften jenseits verstandesmäßig erfassbarer Inhalte direkt über die Sinne (Farbe) zum Kunden zu bringen.

Diese sinnliche Kraft der Farbe, an die der Künstler erinnert, hat viel mit den Gipsstatuen des Museums zu tun. Sie bleiben weiß, obwohl den Historikern längst bewusst ist, dass die Originale – wie heute Konsumprodukte – bunt bemalt nach Aufmerksamkeit heischten. Gerade in ihrer Farblosigkeit dienen sie seit Generationen als Sehschule, denn Farbe lenkt ab. Große Abguss-Sammler wie Goethe vertieften an ihnen nicht nur ihre künstlerischen und anthropologischen Kenntnisse. Sie wussten, das die antiken Künstler keine Indivduen darstellen wollten, sondern aus Harmonien und Zahlenverhältnissen ein Idealbild des Menschen extrahieren wollten. Und so suchten Goethe und viele seiner Zeitgenossen in den Abgüssen das Wesen des Menschen, ihr eigenes tieferes Wesen.

Der im Kommunismus aufgewachsene und an der Warenästhetik geschulte Barov wittert hinter dem Streben der antiken Künstler Propaganda und Werbung – zumal die Suche nach dem Idealbild vom Menschen in der Konsumgesellschaft inzwischen gänzlich pervertiert ist. Dort, so zeigt er mit Bildserien "Beauty Matrix Operation" über Schönheitschirurgien, werden Individuen zu harmonisch-schönen, aber charakterfreien Typen modelliert.

Barov versteht sich als Forscher und Aufklärer, der den Computer nutzt, um den Charakter von Bildern herauszuarbeiten – wie die von Farbe befreiten Abgüsse. Dabei glaubt er an die sinnliche Kraft der Farbe und die Genialtät der Maler, die auch dann noch erhalten bleiben, wenn sie auf die 256 Grundfarben einfacher Computer reduziert werden. In München demonstriert Barov das unter anderem an Gemälden von Vincent van Gogh und Francis Bacon.

Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke, München

Novemer 2005 bei magazin-ku.de