Der wirklich eigene Weg der Georgia O’Keeffe

Retrospektive in der Hypo Kunsthalle München

In den USA gilt Georgia O’Keeffe (1887 bis 1986) als wegweisende Pionierin der modernen amerikanischer Malerei. Trotzdem hat es bis 2012 gedauert bis ihr in Deutschland eine umfassende Retrospektive gewidmet wurde. Mehr noch als die Bilder beeindruckt die Entschlossenheit dieser Künstlerin ihren ganz eigenen Weg zu gehen. 

 

Persönliche Impressionen zur Ausstellung: 

Gerade die berühmten Landschaften und Blumenbilder gefallen mir persönlich nicht. Die Farblichkeit ist mir meist ebenso zu aufdringlich wie die „Nahaufnahmen“ der Blüten. Allerdings erkenne ich an, dass sie vor allem mit letzterem Techniken der Werbefotografie vorwegnimmt. Ich stehe eher auf die abstrakten Bilder, wie etwa die Tür ihres Hauses in New Mexico, aber auch auf die New Yorker Häuserschluchten, leere Wüsten und ganz besonders auf die sehr spät entstandenen Himmel über den Wolken, die ich hier nachempfunden habe. 

 

Irritiert war ich, dass sie sich nur kurz (am Anfang ihrer Karriere) mit Akten beschäftigte. Menschen tauchen in ihren Bildern nicht auf - warum wohl?

Dazu passt vielleicht eine zweite Irritation. Sie hatte kein Problem sich nackt fotografieren und ausstellen zu lassen, obwohl sie sonst eben nicht mit Menschen Kunst machte. Ihrem Mann gestattete sie es und auch anderen Fotografen, wobei die ihren Regieanweisungen zu folgen hatten. Ein Freund meinte dazu, dass es ganz normal und typisch sei, dass Frauen die Kontrolle über ihr Bild beanspruchen.

 

Überhaupt fand ich am spannendsten, dass die Aussagen im Audio-Guide über ihre Absichten in der Regel negativ waren: Sie wehrte sich dagegen ihre floralen Motive auf das Sexuelle zu reduzieren (wobei dieser Aspekt natürlich mit gemeint war). Obwohl als Frau eine Ausnahmeerscheinung in der damaligen Kunst, ließ sie sich nicht vom damaligen Feminismus vereinnahmen (zugleich war sie drei Jahrzehnte lang Mitglied der National Womens Party). Und bei ihren berühmten Landschaften wurde sie mit dem Statement zitiert, dass sie versucht hätte das zu lernen, aber niemanden gefunden habe, der ihr gesagt hätte wie man das machen soll, nur Lehrer, die ihr erzählt hätten, wie sie es machen würden. 

 

Kurz: Die Frau hat immer versucht, aus sich selbst heraus zu malen, ihre eigenen Kriterien zu entwickeln, die - zumindest in dieser Ausstellung - nie expliziert wurden - mit einer Ausnahme: Sie hat einmal erklärt, dass sie die Blumen so monumental malt, damit sie - die sonst leicht übersehen werden - unübersehbar werden. Sie macht Werbung mit Mitteln wie wir sie heute tatsächlich aus der Werbefotografie kennen. O'Keefe hat sich selbst erfunden und hat sich und ihre Kunst selbst erfunden und sich dabei keinem vorhandenem Interpretament unterwerfen wollen. So hat sie Totenschädel von Tieren in der Wüste mit bunten Blumen umrahmt, weil sie in diesen ausgebleichten Schädeln eben nicht den Tod gesehen hat, sondern das Leben in der Wüste. 

 

Die Beziehung zu ihrem Mann hat sie selbst einmal dadurch charakterisiert, dass sie gut miteinander ausgekommen sind, weil er sich enorm für ihre Arbeit interessiert hat. Das klingt nüchtern und tatsächlich war es wohl immer auch eine gut funktionierende Arbeitsgemeinschaft. Tatsächlich ist er massiv für ihren Erfolg mitverantwortlich und auf seinen Fotos von ihr, scheint mit offensichtlich zu sein,  wie sehr zumindest er sie bewundert hat. 

 

Deutungshinweise in der Biografie

Georgia O’Keefe ist auf einem Milchbauernhof aufgewachsen. Das mag zum Teil ihre Vorliebe für Landschaften erklären. Allerdings malte sie nie die Wiesen ihrer Kindheit und auch selten wilde Blumen sondern eher Wüstenlandschaften und klassische Schnitt- statt Wildblumen. Ob oder weil sie in einer großen Familie mit sechs Geschwistern aufwuchs, zog sie die Natur der Gesellschaft vor. Und tatsächlich gibt es in ihrem Werk so gut wie keine Menschenabbildungen. 

 

Als Malerin hat sie von Kindheit auf eine gründliche, akademisch-konservative Ausbildung genossen, die auf möglichst realistische Abbildung abzielte. Allerdings lernte sie in der Galerie ihres späteren Mannes Alfred Stieglitz die Werke Avantgarde-Künstler wie Picasso, Matisse, Cézanne und Rodin ausstellte. Als Abschlussarbeit lieferte sie aber ein konventionelles Stilleben ab. 

 

Doch die Zweifel sassen und führten dazu, dass sie im Rahmen ihrer Selbstfindung eine Zeitlang nur noch Kohle-Zeichnungen anfertigte, die zudem oft abstrakt waren. In dieser Zeit entdeckte sie Stieglitz, der als geübter Provokateur auf der Suche nach einem avantgardistischen weiblichen Künstler war - damals noch eine absolute Seltenheit. 

 

Die erste Ausstellung (1917) ging jedoch im Trubel um den Eintritt in den ersten Weltkrieg unter. Doch Stieglitz stellte ihre Arbeiten von da an regelmäßig aus, nutzte sie auch als Modell, verliebte sich in sie und die beiden heirateten. 

 

Bekannt wurde sie in den frühen 20er Jahren durch ihre groß in Szene gesetzten floralen Bilder, genauer durch die erotischen Assoziationen, die die meist männlichen Kritiker in ihre Blumenbilder damit verbanden. Tatsächlich drängen sich erotische Assoziationen auch heute noch auf und lenken davon ab, dass die Wirkung der Bilder vor allem von der neuen Sicht auf die Motive herrührt. Waren Blumen bislang meist nebensächliches Dekor, so rückte sie die Formen der Blüte großformatig ins Zentrum, wie eine fotografische Nahaufnahme, nur eben in Farbe. Die Bilder mussten damals aufdringlich gewirkt und wegen der sexuellen Assoziation peinlich. 

 

in der Hypo Kunsthalle, München
3. Februar bis 13. Mai 2012