Love, Sex aur Dhoka

Jenseits von Bollywood

Bei Love, Sex aur Dhoka (laut Regisssuer so viel wie Karma oder Dao, also etwa spiritueller Weg) handelt es sich um einen in der Moderne angekommener indischer Film, der Wirklichkeit und ihre mediale Vermittlung auf dem Halbkontinent reflektiert. Dabei geht es insbesondere um das doppelbödige Verhältnis gerade westlich erzogener Inder zwischen einer von Gandhi vorgegebenen Staatsideologie und seit Jahrausenden eingeübten Klassen/Kasten-Unterschieden.

LSD startet mit dem Werbe-Spot einer Kamerafirma, die Filmkameras, Überwachungskameras und Spionagekameras anpreist. Diese drei Techniken und Verwendungszwecke strukturieren den Film in drei Geschichten, die lose durch einen Laden, den viele der Protagonisten besuchen und durch vereinzelte Beziehungen der Personen aus den drei recht verschiedenen Geschichten verbunden sind.
    1.    Geschichte: Ein Jungregisseur verliebt sich in seine Heldin (aus einer höheren Kaste) filmt sie mit der "liebenden Kamera", heiratet sie heimlich, so dass das Paar vom chauvinistischen Bruder ermordet wird.
    2.    Geschichte: Die Verführung der Verkäuferin (im übrigen die Freundin der Heldin der ersten Geschichte). Hier dient die Kamera nicht nur der Überwachung, sondern auch der Verletzung der Privatsphäre und der Zerstörung eines Lebens.
    3.    Die Spionagekamera wird für eine Rache eingesetzt. Der redakteur des Internetsenders, der den Sexspot mit der Verkäuferin gesendet hat, rettet eine schöne junge Frau, die für eine Rolle mit einem einflussreichen Schauspieler geschlafen hat, der ihr nicht nur diese Rolle verweigert, sondern sich zudem gleich eine neue Geliebte genommen hat. Nun beschließen Redakteur und Schauspielerin, dass sie sich mit der Spionagekamera bewaffnet einschleicht, und sich zu einem Dreier bereit erklärt, wenn er - ohne von der Kamera zu wissen - erklärt, dass das der Preis für eine Rolle ist. und tatsächlich wird der Schauspieler der Bestechlichkeit überführt.

Im Kern reflektiert der Film den moralischen Niedergang eines Landes während gleichzeitig die Anpassung an den Westen, technisch und von den äußeren Lebensbedingungen immer besser zu funktionieren scheint. Doch das Bild, das sich Indien insbesondere in seinen Bollywood-Filmen von sich selbst mach trügt.

Bollywood setzt auf tanzende und singenden Superstars, die große Gefühle für ein Sozialisierungskino nutzen, bei dem die Zensur darauf achtet, dass keine Gruppe – gar eine der formell abgeschafften Kasten – benachteiligt wird. Dazu passt, dass beim vorliegenden Film weniger die spärlichen, aber für indische Verhältnisse deutlichen Sexszenen zensiert wurden, sondern vor allem die Schmähungen eines Protagonisten gegen  seine Schwester und ihren aus einer niederen Kaste stammenden Liebhaber und heimlichen Gatten in der ersten Geschichte. Die Schande der Mesalliance empfindet der westlich erzogene junge Mann so heftig, dass er das Paar nicht nur beschimpft und ermordet, sondern zerhackt und unter einer Brücke verscharrt.

Deutlich wird für einen europäischen Betrachter die Kastenproblematik auch in der zweiten Geschichte, in der sich die nach westlichen Vorstellungen ausgesprochen hübsche junge Verkäuferin sich durch die Avancen des Sicherheitsmitarbeiters verhöhnt sieht, weil sie weiß, dass ihre dunkle Haut für den hellhäutigeren Verehrer das Zeichen einer niederen Kaste ist. Sie hat mit ihrem Misstrauen nicht unrecht, denn der junge Mann will sie verführen, um sie beim Sex mit einer Überwachungskamera zu filmen und ins Internet zu stellen. Und obwohl er sich tatsächlich verliebt, hält in das nicht von seiner niederträchtigen Tat ab - eben weil es gegenüber der niedrigeren Kaste keine Moral gibt.

Zwar, so berichtet der Regisseur, spielte der für 150 000 Dollar gedrehte Film in Indien über 2 Millionen Dollar, gilt aber dort dennoch als abseitig und wird nur von wenigen Zuschauern verstanden und oft abgelehnt.


Filmfest München 2010

Dieses Jahr versprachen die Veranstalter:

- Jenseits von Bollywood
- Verlorenheit im Ich
- Verloren in der Welt
… und vieles mehr.

In früheren Jahren:
2009: TV-Vorschau und Kunst
2008: Anspielen gegen Fussball
2007: The Band's Visit
2007: J'attends quelqu'un
2007: Holunderblüte
2006: Winterreise
2004: Das Mädchen mit dem Perlenohrring