Redland

Erstlingsfilm von Asiel Norton


Der Erstlingsfilm von Asiel Norton spielt während der Großen Depression in den kalifornischen Wäldern. Er wirkt aber nicht wegen der Assoziationen zur aktuellen Wirtschaftskrise, sondern vielmehr durch seine großartigen Naturbilder, in denen menschliche Artifakte störend und schäbig wirken. Auch die Protagonisten wollen sich nicht so recht in die Wildnis fügen - nur die nymphenhafte Heldin scheint eins mit ihrer Natur und ihrer Umgebung.

Die vielleicht interessanteste Lesart des Filmes ist die eines sozialdarwinistischen Experiments, inwieweit Menschen in der Wildnis leben können - als edle Wilde wie die Heldin, als alttestamentarischer Naturpatriarch und Jägernwie ihr Vater, als ausgemergelte Umsorgerin, wie die Mutter oder als gedankenlos von allen abhängiger heranwachsender Junge.

Auf eine andere Lesart weist der Regisseur hin, wenn er berichtet, dass er als Kind ganz nahe dem Drehort in einer ähnlich technikfernen und ideologisch aufgeladenen Hippie-Eremitage aufwuchs. Insofern lässt sich der Film als Auseinandersetzung des Regisseurs mit seiner eigenen Kindheit und insbesondere mit dem Vater deuten.

Am wenigsten ergiebig erscheint trotz der aktuellen Weltwirtschaftskrise, die Verankerung der Handlung in der Not der Großen Depression. Tatsächlich sprengen die erhabenen Landschaftsbilder und die archaischen Verhaltensweisen rasch jede zeitgeschichtliche Verankerung, gleichgültig ob es die Hippiekindheit des Regisseurs handelt oder den Überlebenskampf einer Familie in der Grossen Depression.

Die Schwierigkeiten der vierköpfigen Familie mag entfern mit der wirtschaftlichen Lage der USA zu tun haben, sichtbar ist aber lediglich der Verlust von überlebenswichtigen Haustieren, die Abhängigkeit von einer erfolgreichen Jagd, sowie der biblisch-patriarchalische Zorn des Vaters. Ähnlich archaisch wirken die Mutter die sich unter anderem am Spinnrad gar nicht märchenhaft aufarbeitet, sowie der kindliche Sohn, für den die Welt eben so ist, wie sie ist.

Die eigentliche Heldin des Films ist aber die die vom Regisseur als "holy fool" angelegte Tochter Mary Ann, überzeugend gespielt von Lucy Adden. Es handle sich bei den holy fools laut Norton um ein im positiven Sinne einfältiges Wesen, das auf eigenartige Weise mit Gott verbunden sei und durch seine Andersartigkeit in der Lage sei, Umwälzungen in Gang zu setzen.

Tatsächlich aber wirkt Mary Ann eher wie eine heidnisch Nymphe, der alles zur Natur wird. Das gilt insbesondere in den bukolischen Liebeszenen mit einem Landarbeiter am Teich. Die Beziehung muss vor dem eiferndem Familienpatriarchen verborgen bleiben - worüber sich keiner beklagt. Im Gegenteil. Der Tochter wird auch der Vater zu bewunderten Natur, wie sie seine kräftige Rückenmuskeln mit den Wurzeln jahrhundertealter Bäume vergleicht. Und in aller Unschuld bietet sie ihm an, die Mutter zu ersetzen, die während der Jagd verhungert ist, auf der der Patriacht den Liebhaber der Tochter – als Jagdunfall verbrämt – erschossen hat. In ihr mag man glauben, dass der Mensch wie ein Tier (im besten Sinne des Wortes) in der Natur aufgehen kann, als edler Wilder in der Wildnis. Dass man sich darin ergeben kann, dass nur der für diese Welt am geeignetste überleben kann, anders der junge Liebhaber und die verbrauchte Mutter.

Doch der Vater zerstört solche Vorstellungen eines edlen Sozialdarwinismus. Seine ideologisch erstarrten und zudem eigenützigen Ideale von Herrschaft, Jagd und Autarkie, die eiskalt geplante Rache, und seine Unehrlichkeit diskretieren ihn, auch wenn die Tochter nicht hinter die Fassade schauen kann. Ganz anders die ausgenutze Mutter, die fanatischen Vater schlicht als verrückt bezeichnet.

Der Grund für den Mord: Zufällig sieht der Vater, wie die Tochter im reifen Feld ein Kind zur Welt bringt, dass sie sofort tötet. Warum? Weil es ein Kind der Sünde ist, ihr Vater sie bestrafen würde, der Vater des Kindes nicht verfügbar ist, weil der kleine Hof einen zusätzlichen Esser nicht mehr tragen würde ... Wer weiß. Gesprochen wird in diesem Film kaum. Nie erfährt Mary Ann von den Rachegefühlen ihres Vaters.

Das Experiment des edlen Wilden in der Wildnis mag gescheitert sein, doch der Film hat noch mehr Ebenen. Norton: „Ich möchte das Geheimnis des Lebens im Film unmittelbar sichtbar machen, ohne auf literarische Vorbilder angewiesen zu sein. Ich möchte Filme machen, die herausfordern und sich erst nach mehrfachem Betrachten erschließen – auch wenn das arrogant klingen mag“