Jenseits von Bollywood

indisches Kino auf den Filmfest München 2010

In Indien sind urzeitlich anmutende Fischerboote in Gebrauch, bleibt mit wunderschönen Saristoffen die tradionelle Hochkultur sichtbar, während sich die Wirtschafts-Eliten zu globalen IT-Dienstleistern aufschwingen.


Indien ändert sich. Insbesondere die IT-Branche erzeugt eine an westlicher Kultur orientierte Mittelschicht, denen gängigen Sozialisierungs- und Märchenschemata der dortigen Filmindustrie nicht mehr reichen. Und so versprach die Festspielleitung Filme jenseits der Bollywood-Klischees. Wer nun aber soziales Kino à la Fassbinder oder Herzog erwartet wird enttäuscht.


„Natarang“ etwa wartet als Marathi-Film mit klassisch indischen Komponenten und Themen auf. Es geht um traditionelle Kultur und sozialen Aufstieg – auch Tanz und Gesang fehlen nicht. Hier wird das traditionellen Tamasha-Singspiel und Aufstieg des Helden vom Landarbeiter zum im Alter hochverehrten Schauspieler gefeiert.  Wesentlich prosaischer widmet sich der Kurzfilm "Dhin Tak Dha" dem Tamashi-Theater. Darin kann diese überkommene Kunstform nicht mit den modernen Sehgewohnheiten mithalten.

Andere Filme thematisieren soziale, gesellschaftliche und politische Probleme und zeigen die große Bandbreite der Völker auf dem Subkontinent. Damit bedient das Filmfest einerseits das exotische Bildungsbedürfnis des hiesigen Publikums und vermeidet – wie versprochen – die üblichen Bollywood-Märchen.

Das gilt insbesondere für die Kurzfilme, etwa für „The Taste of Hilsa“, das in wunderschönen Bildern den Überlebenskampf eines Fischers im nordöstlichen Indien schildert. Der Fang, ein einziger Hilsa-Fisch, kann er nicht mit seiner Familie teilen, weil sonst kein Geld für Reis mehr da wäre. In „Boond“ wird um den letzten Tropfen Wasser gekämpft, „Narmen“ schildert die Progrome zwischen Hindus und Moslems vor der Abtrennung von Pakistan. Von solchen Spannungen, aber auch von der Bedeutung des Fernsehens und der Industrialisierung des Fischfangs erzählt „Gulabi Talkies“. Überzeitlich schön ist die traurige Hundegeschichte „Vellapokkathill“, die vor dem Hintergrund der großen Flut von 1928 spielt.

Eingelöst wird das Verspechen eines modernen Post-Bollywood-Kinos am deutlichsten durch „Love, Sex aur Dhoka“ (LSD) von Dibakl Banerjee, der  im Milieu westlich aufgewachsener Inder spielt. Die Struktur des Films wird vom einleitenden Werbe-Spot für Film-, Überwachungs- und Spionage-Kameras vorgegeben.


Engagement statt großer Emotionen

Filmfest München 2010

Nicht poetisch sondern grell und nüchtern wirbt das Festival-Plakat eher für eine Fachveranstaltung als für ein Publikumsfest.

Auf dem Münchner Filmfest setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort, der wegführt von den großen Gefühlen und hin zu politischen Themen. In diesem Zusammenhang darf man besonders auf die indischen Filme jenseits von Bollywood gespannt sein.

Das Filmfest scheint sich vom Volksfest zur Fachmesse zu entwickeln. Am Augenfälligsten wird das am diesjährigen Plakat. Keine emotionale Filmszene, kein Kuss, kein Star, nur ein himbeerroter Schriftzug auf grellgelbem Hintergrund. Von den einst großen Gefühl blieb nur noch die Poesie des in den vergangenen Jahren eingeführten Löwenzahn-Fallschirms. Festspielleiter Andreas Ströhl beschreibt die Veranstaltungen mit seiner Vielzahl an Preisen als Starthilfe für Newcomer, als Börse der Verleiher für neue Filme. Kollegial träfen sich hier die Filmschaffenden, weil der harte Wettkampf um Palme oder Bär fehle, es lediglich um Förderpreise, um die Aufmerksamkeit der Verleiher und die Gunst des Publikums ginge.

Hat die Filmfestleitung die Nase voll davon, jedes Jahr gegen das möglicherweise schöne Wetter und fast jedes Jahr gegen die Fußballbegeisterung Zuschauer in dunkle Kinosäle zu locken? Tatsächlich klingt die Art, wie Festspielleiter Ströhl über das Publikum in sein Konzept einpasst etwas befremdlich: „Bei uns können die Filmemacher und Verleiher einen Eindruck gewinnen, wie die Produkte auf das Publikum wirken.“

Eine neue Zielgruppe versucht sich die Festivalleitung zudem durch eine Reihe für Filmmusik zu erschließen und lockt hier mit  Howard Shore, der für das Schweigen der Lämmer und den Herrn der Ringe komponiert hat. Am Vorabend der Filmfesteröffnung präsentieren das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks im Circus Krone das "Cinema in Concert"  aber auch Kompositionen weiterer Musikgrößen wie von John Williams (Der Soldat James Ryan) oder von Ennio Morricone (Spiel mir das Lied vom Tod).

Auf das inhaltliche Programm des Festivals scheint das neue Konzept wenig Auswirkungen zu haben. Formulierungen der Kuratoren wie "fremd im eigenen Leben" (für die deutschen Filme) und "Abbild einer Welt im Aufruhr" (internationales Programm) signalieren den anhaltenden Trend zum kritischen Realismus. So dominieren politische Themen vom Belusconi-Bashing zum Second Life im Internet.

Wie gewohnt strukturieren jedoch die vielen an Kulturen wie Südamerika, Indien und Fernost orientierten Reihen das Filmfest. Damit wir ein breites Publikum mit dem nie nachlassenden Hang zur Exotik erreicht. Bodenständiger geben sich die Fernsehproduktionen, bei denen sich Couch-Potatoes ihre Krimis schon vor allen anderen ansehen können. Zu den Rennern dürfte hier der Niederbayern-Krimi: „Sau Nummer vier“ gehören. Zum Mitreden unter Cineasten, die es nicht nach Cannes geschafft haben gibt es natürlich die dortigen Sensationen wie Apichatpong Weerasethakuls Onkel Boonmee zu sehen.

Spannend wird  die Wiederbegegnung mit dem neuen deutsche Autorenkino von vor 30 Jahren, die allerdings mit vier Beiträgen (darunter Rainer Werner Fassbinders „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“ und der Directors Cut von Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ etwas knapp ausgenfallen ist. Werner Herzog präsentiert lieber mit einem neuen Film (My Son, My Son, What have ye done?) wie das gesellschaftliche Denken der 70er Jahre auch heute noch und in der USA aktuell sein kann. Die Werkschau gilt dieses Jahr keiner Hollywood-Größe, sondern dem österreichischem Dokumentarfilmer  Ulrich Seidl.


Filmfest München 2011

Das wichtigste Thema:

Kinder sind die Helden. In unserer Welt müssen sie es sein.

In früheren Jahren:

2010: Jenseits von Bollywood
2009: TV-Vorschau und Kunst
2008: Anspielen gegen Fussball
2007: The Band's Visit
2007: J'attends quelqu'un
2007: Holunderblüte
2006: Winterreise
2004: Das Mädchen mit dem Perlenohrring


Yo Tambien (Mee Too)

Foto: Filmfest München

Die spanische Liebesgeschichte des durch Down-Syndrom behinderten Daniel (Pablo Pineda) und der blonden Laura (Lola Dueñas) erobert als Sommerfilm derzeit das deutsche Publikum. Eine leichtfüßig daherkommende Rührgeschichte aus sonnigen Gefilden, die nicht zufällig das Filmfest eröffnete.


Love, Sex aur Dhoka

Jeseits von Bollywood

Bei Love, Sex aur Dhoka (laut Regisssuer so viel wie Karma oder Dao, also etwa spiritueller Weg) handelt es sich um einen in der Moderne angekommener indischer Film, der Wirklichkeit und ihre mediale Vermittlung auf dem Halbkontinent reflektiert. Dabei geht es insbesondere um das doppelbödige Verhältnis gerade westlich erzogener Inder zwischen einer von Gandhi vorgegebenen Staatsideologie und seit Jahrausenden eingeübten Klassen/Kasten-Unterschieden.



Redland

Erstlingsfilm von Asiel Norton

Der Erstlingsfilm von Asiel Norton spielt während der Großen Depression in den kalifornischen Wäldern. Er wirkt aber nicht wegen der Assoziationen zur aktuellen Wirtschaftskrise, sondern vielmehr durch seine großartigen Naturbilder, in denen menschliche Artifakte störend und schäbig wirken. Auch die Protagonisten wollen sich nicht so recht in die Wildnis fügen - nur die nymphenhafte Heldin scheint eins mit ihrer Natur und ihrer Umgebung.