Kinogenuss gegen Fussballfieber

Filmfest München 2008: Vom 22. bis 28 Juni

Mit 237 Filmen aus 41 Ländern feierte das Münchner Filmfest erfolgreich gegen das Fussballfieber an. Es lag vermutlich nicht nur an den unausgeglichenen Leistungen der Nationalmannschaft, dass mit 63 600 nur 3000 Zuschauer weniger in die Filmfest-Kinos strömten als im fußballfreien 25. Jubiläums- und Rekordjahr 2007.

Zu Recht gilt das Münchner Filmfest als Publikumsveranstaltung. Für die Zukunft des Festivals bedeutsamer sind aber eher die inzwischen 12 Preise im Gesamtwert von ca. 150 000 Euro, die talentierte Filmschaffende nach München locken und für Qualität in der Vielfalt sorgen. So kommt jedes Jahr eine bunte Mischung von internationalen Neuentdeckungen, Festival-Erfolgen (Sundance, Cannes), aber auch von klassischen Fernsehproduktionen zusammen. Einige Cineasten fahnden nach guten Filmen, die hier zu Lande nie ins Kino kommen, andere möchten Trends erspüren und wieder andere freuen sich darauf, ihren Bekannten mit dem Plot künftiger Tatort- und Bloch-Folgen schon Monate vor der Ausstrahlung den Spaß verderben zu können. 

Der Autor dieser Zeilen bekennt sich zur Kategorie der Trendscouts und hat daher auf vorhersehbare Publikumsrenner wie den Räuber Kneißl und das Duo Valentin/Karstadt ebenso verzichtet wie auf Fernsehproduktionen und Werkretrospektiven. Die öffentlich-rechtliche Sozialisierungs-und-Welterklärungs-Pädagogik wie in Oliver Diekmanns „Pizza und Marmelade“ braucht man nicht ohne Not vorwegzunehmen. Nicht für jedermanns Magen und Gemüt eignen sich die oft recht gewalttätigen Filem aus dem fernen Osten beziehungsweise aus Mittelamerika, denen das Filmfest breiten Raum einräumte.

Eine echte Entdeckung – jenseits des Kinos – war, wie gut sich Achternbuschs zweieinhalbdimensionalen Holz-Kunstwerke in ihrer groben Fragilität gegen die mehr als dreidimensionale Botero-Pieta vor dem Gasteig behaupteten. Eine Auswahl:

Leben und Tod (Drei Filme mit Hund):
Frozen (Indien, Shivajee Chandrabhuschan): Mörderische Moderne
Time to die (Polen, Dorota Kadzierawska)): Schöner als der Titel
O’Horton (Norwegen, Bent Hamer): Das Leben beginnt in Rente

Bildende Kunst:

  • Achternbusch: 40 alte Filme und einige neue Holzkunstwerke
  • Botero: Eine kritikfreie Ehrung Peter Schamonis
  • Mozart in China (Dt/Österr., Bernd Neuburger): Gute Kinderfilmidee mit hölzernen Dialogen
  • Unnütz (China, Jia Zhang Ke): Schneider in China zwischen Kunst-Label, Ausbeutung und Arbeitslosigkeit


À la française:

  • Entre les Murs (Laurent Cantet): Preisgekrönt und erinnert bei allem Ernst dennoch an "Lehrer Specht".
  • So ist Paris (Cédric Klapisch): Vielfalt aus dem Blick eines Schwerkranken
  • Les amours d’Astrée et Celadon(Eric Rohmer): Erotische Nymphe rettet naiven Schäfer – nach einem Roman aus dem 16. Jahrhundert.


Engagiert:  

  • Unnütz (China, Jia Zhang Ke): Schneider in China zwischen Kunst-Label, Ausbeutung und Arbeitslosigkeit
  • Tengri - Himmelblau (Fr/Dt, Marie-Jaoul de Poncheville): Eine Geschichte aus einem Kirgisistan, wo sich Liebe, globale Arbeitssuche, moderne Bildung, verblassende Tradition und falsche Mudschahiddin begegnen.
  • Moscow, Belgium (Belgien, Christoph van Rompeay): Ein Trucker bringt Liebe und Ärger in ein die trostlose Betonsiedlungen
  • Caótica Anna (Spanien, Julio Medem): Über die Urmutter aller guten Männer
  • Orz Boys (Taiwan, Yang Ya-Che): Die Wirklichkeit ist zum Flüchten – in den Hyperspace


Avantgarde:

  • Der Gesang der Vögel (Spanien, Albert Serra): Die  langsame, langsame, schön langsame Reise der heiligen drei Könige




Filmfest München 2011

Das wichtigste Thema:

Kinder sind die Helden. In unserer Welt müssen sie es sein.

In früheren Jahren:

2010: Jenseits von Bollywood
2009: TV-Vorschau und Kunst
2008: Anspielen gegen Fussball
2007: The Band's Visit
2007: J'attends quelqu'un
2007: Holunderblüte
2006: Winterreise
2004: Das Mädchen mit dem Perlenohrring