Vom Verlust der Utopie

Ungeduld und Enttäuschung in der bildenden Kunst

Eine Nullstelle: Raumfahrt kommt in Künstlerutopien offensichtlich nicht vor.

Selbst Künstlern sind Utopien inzwischen ausgesprochen verdächtig. Das hindert viele von Ihnen jedoch nicht, sich in dem weltweiten Projekt „Utopia Station“ mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft auseinander zu setzen. Im Sinne dieser Hoffnung machte das Wanderprojekt im November 2003 im Haus der Kunst Station – dort wo einst die Utopie einer faschistischen Volksgemeinschaft und ihrer Kunst beschworen wurde.

Die rund 160 für die Biennale in Venedig zusammengetragenen Poster der Projektteilnehmer sprechen für sich selbst – zumal die Künstler jeweils zu einer Stellungnahme aufgefordert wurden. In ihnen spiegelt sich die ganze Ambivalenz der Utopie-Geschichte wieder. „Utopien sind Träume, die wir nicht wahr machen“, urteilt etwa Jacques Villeglé und bringt damit die Enttäuschung vieler Generationen auf den Punkt.

Einst galt Utopie als positiver Begriff. Es ging um Gedankenspiele, die zur Schaffung von idealen Gesellschaften führen sollten. Der mittelalterliche Mönche Joachim von Fiore glaubte ebenso an ideale Religionsgemeinschaften wie die Albigenser; Fourier und Owen versuchten sozial und wirtschaftlich funktionierende Gemeinschaften aufzubauen. Utopische Konzepte erwiesen sich selten als erfolgreich, doch immerhin als so erkenntnisschwanger, dass der Jurist Robert von Mohl Mitte des 19. Jahrhunderts empfahl, die Utopie als eigene Disziplin in die Staatswissenschaft aufzunehmen. Das war jedoch bevor Nazis und Kommunisten mit ihren Sozialexperimenten den Begriff diskreditierten. Heute gelten Platons Ständestaat (ein Vorbild für Morus „Utopia“) und Bacons Wissenschafstsinsel „Nova Atlantis“ als gefährlich faschistoid. Kluge Zeitgenossen wie Ralf Dahrendorf versuchen inzwischen „Wege aus Utopia“ zu weisen, weil sie jede Vorstellung eines Idealstaates generell für veränderungsfeindlich und totalitär halten.

Die Utopie-Kritiker haben in einem Punkt Recht. Utopisten sind oft ungeduldige Menschen, die unerwünschte Verhältnisse mit der Brechstange ändern wollen, damit ihre Vision noch zu ihren Lebzeiten wahr wird. Diese Ungeduld ist die Ursache für viel Gewalt und Gegengewalt, vor allem für Enttäuschungen, die auf die Utopie zurückfällt. Dennoch hat Villeglé Unrecht, wenn er glaubt, dass Utopien nicht wahr werden. Unsere demokratischen Staaten, Arbeitszeitregelungen, unsere Autos und Flugzeuge, die Computer, die Reise zum Mond, sie sind alle in früheren Utopien beschrieben worden. Doch wir können solche Erfolge nicht genießen. Wir halten es mit Yona Friedmann auf ihrem Plakat: „Eine verwirklichbare Utopie ist keine Utopie mehr“.

Aus diesem Blickwinkel macht die amerikanische Künstlerin Martha Rosler darauf aufmerksam, dass Utopien bewegliche Ziele seien. Auch noch aus einem anderen Grund: Die Utopien verändern ihren Charakter. Haben sich die Menschen der Renaissance vor allem Sicherheit gewünscht, so ging es den Aufklärern des 18. Jahrhunderts um Freiheit. Viel von unserer derzeitigen Utopie-Kritik rührt daher, dass es uns heute an gesellschaftlichen Träumen fehlt, die anzustreben sich lohnen könnten. Zu nah ist uns noch das Scheitern des großen kommunistischen Experiments.

Die utopische und anti-utopische Literaratur ist Legion


Dennoch suchen die Künstler und gerade sie auch heute noch nach Utopien. Sie wollen, wie Wilson Diaz und Marco Moretti nicht akzeptieren, dass im Kapitalismus das Ziel der Geschichte liegen soll (siehe nebenan Text zum Plakat „No War“). Sie fordern auf, das Scheitern, zu kultivieren, denn „Scheitern ist das einzige Ergebnis, aus dem der Kapitalismus kein Kapital schlagen kann. (...) Wer bereit ist, das Scheitern anzunehmen, der ist gerüstet für das Spiel des Lebens.“

Wie intensiv sich die Künster mit der Utopie auseinander gesetzt haben, demonstriert die Definition auf dem Plakat „Utopistics“ von Rikrit Tiranija und Immanuel Wallerstein, die selbst wissenschaftlichen Anforderungen standhält:

1 - Das Scheitern von Träumen, oder das verlorene Paradies?
2 - Die schwierige Umgestaltung, oder die Hölle auf Erden?
3 - Eine substanziell rationale Welt, oder kann das Paradies wiedergewonnen werden?

In den rhetorischen Fragen wird das Spannungsfeld zwischen religiösen und diesseitigen Träumen ebenso thematisiert, wie die Hölle, die jede Revolution mit sich bringt. Der Schlusssatz thematisiert die Hoffnung der Neuzeit dieser Falle immer neuer Rückschläge durch einen unumkehrbaren Fortschritt zu entgehen, den uns der Verstand bahnen soll. Eine Hoffnung, die an einer eher interessen- als vernunftorientierten Wirklichkeit zerstoben ist.

Andere Künstler flüchten daher wie Kamin Lertchaiprasert in die Religion, wenn sie in „Utopia Station“ eine buddhistische Weltordnung fordern, oder sie retten sich in das „kleine Glück“ der individuellen Liebe, das Agnes Vardá in herzförmigen Kartoffeln auf dem Markt gefunden hat. Mit dieser Liebe, so hofft sie, lässt sich die Welt versöhnen. Mit solchen Positionen stellt sich die Kunst in den Dienst einer Idee. Der New Yorker Filmemacher Jonas Mekas warnte dafür sich bei Utopia Station von Ideen vereinnahmen zu lassen, weil Träume, seiner Meinung nach sonst keinen Erfolg haben könnten. Er weist darauf hin, dass die Teilnehmer sich ihrer künstlerischen Mittel bewusst bleiben sollten.

Der bildenden Kunst gemäßer äußert sich John Baldessari, wenn er seine Utopie in Bildern sucht, die er irgendwo zwischen Romanfiguren wie Tristam Shandy und Don Quixote und zwischen Filmabenteurern wie den Raumfahrer Buck Rogers oder den Helden vieler Dschungel-Filme sucht (vergleiche nebenan „There not here").

Flash Gordon eroberte den Weltraum noch ohne schlechtes Gewissen, aber mit hohem moralischen Anspruch. Heute erkennt man diese Widersprüche.

Er versucht aus seinen alternativen Welten, wie er sagt, „mehr dort ins hier“ zu bringen. Damit ist er auch sehr nah an den modernen Utopie-Definitionen von Ernst Bloch (das „Noch nicht“) und Bert Brecht („etwas, das fehlt“) die darin eine ewige Triebfeder gesehen haben, dieses Fehlende, die Zukunft aktiv zu suchen und zu gestalten. Wie die Künstler in dieser Ausstellung wehrten sie sich gegen Menschen, die sich dem Hier und Jetzt fatalistisch ergeben, als sei es nicht zu ändern. Sie suchten nach Gegenbildern einer unerfreulichen Gegenwart. „Utopia Station“ sorgt dafür, dass dieses Menscheitsprojekt fortgeführt wird.

magazin [ku:] sieben, November2003



Utopie ist …

Künstlerzitate

Thomas Morus hat der Utopie ihren Namen gegeben.

Utopia Station
Ich glaube das: In der Vergangenheit war die Lebensweiser in einer (mönchisch) buddhistischen Gesellschaft die Welt der Utopie.
Doch heute hat Materialismus das komplett geändert.

Ich glaube das: Meister Buddha repräsentiert die utopische Welt, deshalb wird er allgemein geehrt und verehrt. Doch heute sind die meisten Menschen fehlgeleitet; sie nehmen an, dass die Buddhastatuen Buddha selbst sind und glauben, dass Ruhm, Titel und Geld das Gute sind.

Meister Buddha sagt: "Wer Dhamma sieht, der sieht mich", das bedeutet, dass der wahre Buddha Dhamma ist, sprich: Natur. Wir alle sind Natur. Auf diese Weise ist jeder Teil des Ganzen. (...)
Kamin Lertchaiprasert

Untiteled, 2003

Eine Utopie
wird verwirklichbar
wenn sie zeigt,
wie man ein Problem
los wird
und wenn sie ein
große Zustimmung findet.

Eine verwirklichbare Utopie
ist keine Utopie mehr.
Yona Friedman

There not here
Ich mache Kunst, weil ich nicht oft die Kunst zu sehen bekomme, die ich gerne sähe. Ich muss bestellen, was auf der Karte steht, und wie jeder Mensch mit mehr als nur einem vorübergehendem Interesse für Essen, will ich meine eigenen Gerichte schaffen. Dieses Gericht ist eine alternative Welt, eine Welt die mir sinnvoll erscheint, irgendwo zwischen "Tristam Shandy" und "Don Quixote", zwischen "Buck Rogers" und den "Jungle Explorers". Mehr als das Hier, nicht Dort, versuche ich, mehr Dort in mein Hier zu bringen. Das ist das Rezept für die Kunst, nach der ich strebe.
In einem umfassenderen Sinn, existiert die Utopie.
John Baldessari

No War
Erstrebe das Scheitern!
Strebe danach mit Hingabe zum Scheitern – ausnahmslos. Scheitern ist das einzige Ergebnis, aus dem der Kapitalismus kein Kapital schlagen kann. So wie Du nicht immer gewinnst, wirst du nicht immer verlieren. Wer bereit ist, das Scheitern anzunehmen, der ist gerüstet für das Spiel des Lebens.
Wilson Diaz und Marco Moretti

April 3rd, 2003

Utopien sind Träume, die wir nicht wahr machen. Da ich eher Neo-Realist als Romantiker bin, bringe ich zuende, wofür ich mich entschieden habe. (…) Ich akzeptiere jeden Fehler und gehe das Risiko ein, anders als geplant weiter machen zu müssen. Wer von vorne anfängt, kommt nie zum Ende.
Jacques Villeglé

Patatutopia
Als wir um 200 Worte für das Programm der Biennale gebeten wurden, sind die Menschen von in Bagdad Tag und Nacht bombardiert wurden. (…) und wir – ist das lediglich nicht wünschenswert, absurd, einfach oder einfach nur dumm? – Und wir, wir schaffen Utopien, sprechen über Utopien sprechen und ich, ich möchte Patatutopia filmen.

Ein Markspektakel, eine Hommage an die Kartoffeln, geschaffen aus wirklichen und geträumten Bildern. Ich hatte das Glück, Kartoffeln in Herzform zu finden.  Ja, ich wage diese Utopie, zu glauben, dass die Schönheit der Welt aus der Schale oder einem Trieb der Kartoffel hervorgeht, dass sie uns hilft zu leben und uns mit der Welt versöhnt.
Agnés Varda