Ecce Homo: Siehe da ist ein Mensch

Heribert Spitzauer, ein Dachauer Maler

Epilog: KZ-Blüten auf Rahmen von Nazikünstlern

Vielen Dachauern gilt der Maler Heribert Spitzauer als einer, der sie immer wieder für die Verbrechen im nahe gelegenen Konzentrationslager an den Pranger stellt. Tatsächlich spielt der Holocaust eine wichtige Rolle im Werk des Künstlers. Dabei geht es ihm nicht um Anklage, sondern darum, beim Malen vor allem von Köpfen seine eigenen Abgründen auszumessen.

Spitzauer ist jedoch kein Pessimist. Immer wieder erholt er sich mit lichten Gemälden von seinen Kopfbildern. Das bedeutet nicht, dass er auf diese Werken weniger Sorgfalt verwendet als auf seine Kopfbilder, er schätzt sie auch nicht geringer. Es heißt nur, dass sich neben seiner Obsession die Lebensfreude immer wieder Bahn bricht. Bäume, Felder und Kreuzwege gehören hier zu seinen oft wiederkehrenden Themen. Es gibt auch Stilleben mit Zitronen oder Paprikaschoten von ihm. Und kürzlich hat er ein Videoprojekt mit kleinen Schulkindern realisiert. Sein zentrales Anliegen bleiben aber die Köpfe. Warum, das erklärt er im Gespräch mit magazin-[ku:]-Redakteur Hermann Gfaller.

Was ist Ihr Thema als Maler?

Spitzauer: Man hat mir mal gesagt, es sei Ecce Homo, aber mein eigentlicher Schwerpunkt sind Köpfe, aber Ecce Homo klingt gescheiter und ist nicht falsch.

Ihre Gesichter und Köpfe, beziehen sich oft auf das Thema Holocaust. Wie kommen Sie zu dem Thema?
Spitzauer: Meine Köpfe haben nicht immer damit zu tun, aber Sie haben Recht, es gibt zwei porträthafte Kopfzylen von mir aus den 90er Jahren, die sich mit dem Thema Konzentrationslager auseinandersetzen.

Insbesondere die sieben Doppelporträts, bei denen lebende Dachauer Bürgerkinder neben Kindern, die Holocaustopfer geworden sind.
Spitzauer: Ja, wobei hier, wie in dem späteren Epilog-Zyklus, die Rahmen eine wesentlicher Rolle spielen, die aus einem monomentalen Keilrahmen gemacht sind, in dem sich während des dritten Reiches ein Bild befand, das an großen Kunstausstellung im Haus der Kunst teilnahm. Auf der Rückseite steht noch "Lagergut für das Haus der Deutschen Kunst, München". Es ging darum, das Holz sinnvoll einzusetzten und den Rahmen wiederzubeleben. Eine Hälfte davon habe ich für die Doppel-Portäts verwendet. Die andere  Hälfte für ein "Blut-und-Boden"-Bild im Epilog-Zyklus, bei dem die Rückseite mit den Einlieferungsvermerken zur Vorderseite wurden.

 



Heribert Spitzauer


Der Künstler wurde am 15. November 1958 im Oberbayerischen Traunstein geboren, lebt und arbeitet aber seit 1990 in Dachau. Von 1983 bis 1987 hat er in München an der Pädagogischen Hochschule Kunsterziehung studiert. Dort begann um 1985 seine Obsession für „Köpfe“. Von den vielen Ausstellungen in Dachau seien nur die im Interview angesprochenen Projekte „Epilog“ (1995, Kunstverein Dachau) und
„Legat – hütet die Wunde“ (1998, Versöhnungskirche) erwähnt. Gezeigt wurden seine Werke zudem in Wasserburg, Regensburg, Bamberg, Laufen an der Salzach und München. Der „Epilog“ wurde zudem in den Kunstalmanach des Central Holocaust Memorial, Washington, aufgenommen. Immer wieder führt er künstlerischen Projekte mit Kindern durch oder liest auch mal öffentlich erotische Briefe vor.





Dieses Bild zeigt sieben Gladiolen auf dunklem Grund.

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Spitzauer: Ja, sie symbolisieren die Gladiolen, die wenige Meter von meiner Wohnung entfernt von KZ-Häftlingen auf einer Plantage angebaut werden mussten. Meine sieben roten Gladiolen auf Dachauer Erde von dort gemalt. Die historische Anspielung auf Blut und Boden ist hier mit Dachauer Erde und der Farbe der Blumen wörtlich genommen. Aus den Gladiolen wurden übrigens wegen des hohen Vitamin-C-Gehalts Pastillen für die Luftwaffenpiloten gemacht.

Kommen wir zu den Kinderbildern zurück.
Spitzauer: Das Holz wurde mit Gewalt auseinander getrennt, so dass die fertigen Rahmen mit den lebenden und den Holocaust-Kindern nicht mehr zusammen passen. Angesichts dieser Artekfakte dürfen die Kindergesichter lieb sein. Es geht auch um den zeitlichen Abstand, die Opfer von damals könnten die Großmütter der Kinder von heute sein. Bei den Gesichtern war mir wichtig, dass nur ein KZ-Opfer dabei war. Die anderen Bildern sind nach Familienfotos entstanden. Die Ausstellung heißt Legat. Hütet die Wunde, Legat heißt Vermächtnis

Was sind das für Schicksale, die den Dachauer Kindern gegenübergestellt werden?
Spitzauer: Es geht um einen vierzehnjährigen aus Theresienstadt, ein Mädchen in einem ähnlichen Alter, das im Warschauer Ghetto fotografiert wurde, ein Mädchen ist 1943 aus Rom deportiert worden, ein Zigeunierjunge im selben Jahr nach Yugoslawien. Lola ist beim Aufstand um Bialistoc umgekommen, Mirko Großmann ist mit fünf Jahren in Auschwitz auf den Armen ihrer Oma ins Gas gegangen.

Wie hat das Publikum, insbesondere in Dachau, darauf reagiert?
Spitzauer: Es war nicht gerade ein Skandal, aber viele haben die Portäts als Anklage aufgefasst. Mir war das schwer verständlich, denn harmloser konnte man das Thema kaum formulieren.

Was fasziniert Sie an der Porträtmalerei?
Spitzauer: Es geht nicht um Porträts, sondern um Köpfe, um Zustände, um den Ausdruck. Für die Wiedergabe von Vorhandenem, male ich viel zu frei. Ich mache das seit den 80er Jahren. Seither entdecke ich immer wieder Neues in dem Thema.

Wie hängt die Faszination der Köpfe mit der für den Holocaust zusammen?
Spitzauer: Nur weil sie traurig schauen, haben die Köpfe noch lange nichts damit nichts zu tun. Das Interesse am Holocaust existiert unabhängig davon. Man kann auch außerhalb eines KZs unglücklich sein.

Laubengang im  Dachauer  Schlossgarten  2006


Warum sind die Gesichter so traurig?
Spitzauer: Das weiß ich nicht.

Haben Sie ein negatives Menschenbild?
Spitzauer: Nein überhaupt nicht. Ängste, vielleicht.

Manche Gesichter erinnern an den Schrei von Edvard Munch?
Spitzauer: Tatsächlich verdanke ich Munch eine meiner ersten selbständig erfahrenen Ausstellung. Ich habe mich malerisch aber nie auf ihn bezogen. Vorbilder sind eher Hans von Marée, Lovis Corinth und Francis Bacon.

Ihre Gesichter wirken oft ziemlich grausig.
Spitzauer: Ich habe lange nicht gemerkt, wie die Leute davor erschrecken. Wenn mich jemand darauf angesprochen hat, habe ich heftig reagiert und gesagt: Wenn ihr mit mir zu tun haben wollt, dann müsst Ihr auch mit der Wahrheit zu tun haben. In der Ausstellung zum Epilog-Zyklus haben Leute geweint und ich habe es ignoriert. Ich war wie ein Mensch mit chronischen Rückenschmerzen, der ganz selbstverständlich annimmt, dass es den anderen genauso geht.

Woher kommen diese "Rückenschmerzen"?
Spitzauer: Schwer zu sagen. Vielleicht, weil ich mich schon von klein auf intensiv mit dem Tod auseinander gesetzt habe. Ich war es, der meinem Vater mittgeteilt hat, dass er sterben muss. Ich war auch bei ihm als er gestorben ist. Ich bin es gewohnt, solche Rollen zu übernehmen. Ich war nicht besonders fasziniert vom Tod, sondern ich habe einen relativ selbstverständlichen Umgang mit ihm gepflegt. Deshalb konnte ich lange nicht merken, wie meine Bilder auf andere wirken.

Wann hat die Beschäftigung mit dem Holocaust begonnen?
Spitzauer: Es gab in meiner Familie einen absonderlich motivierten Antisemiten, mit dem ich als etwa Siebenjähriger meinen ersten unbeholfenen Disput über Israel hatte. Noch jetzt 35 später ergeben sich neue persönliche Aspekte. Ich habe auf einem jüdischen Friedhof einen Spitzauer gefunden. Es gibt möglicherweise in meiner Familie beide Seiten des Holocaust.

Was bedeutet das für die Bilder?
Spitzauer: Man kultiviert damit seine Nähe zu den seelischen Abgründen, versucht sie zu fassen.

Der Epilog, ausgestellt in Dachau, 2002