Holunderblüte

Dokumentation über Kinder im ehemaligen Ostpreußen

Bild: Concorde

… Wir waren Kinder mit unsern
Herzen. Die sangen uns jahrhin.
Anders nicht als die Erde
kamen Fröste und Regen,
Blitz und Gewölk, wie die Zeit -

wie die Zeit,
die wir nahmen
und gaben sie aus den Händen,
rot von Früchten. Die Winter
flossen ins Licht …

aus "Die Daubas" von Johann Bobrowski

Der Dokumentarfilm von Volker Koepp über russische Kinder im ehemaligen Ostpreußen besticht auf den ersten Blick durch seine Schlichtheit. Doch hinterden langen Einstellungen, viel Natur und unkommentierten Erzählungen der Kinder verbirgt sich eine Botschaft, die sich über den Titel und den Bezug auf Gedichte des aus Ostpreußen stammenden Lyrikers Johannes Bobrowski zumindest in Ansätzen erschließt.

Zuerst zum Inhalt: Kinder erzählen von ihren Wünschen in einer Gegend, die nach dem Wegzug der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg von der Natur zurückerobert wird. Die Kinder sind allesamt zum Verlieben, nicht nur die wunderschöne Lena, die sich aufs Malen und die Natur verlegt hat, weil sie nicht sprechen kann. Von den vielen Geschwistern wird sie für ihre Wasserfarbenbilder bewundert und auch die Eitelkeit auf ihr Aussehen scheint zu erwachen.

Sie geht ebensowenig zur Schule wie das blonde Mädchen, das als Erstklässlerin von einem jungen Mann unbedacht aus dem Auto vor einen Lastwagen gestoßen wurde und den schweren Unfall nur mit vielen Operationen überlebte. Dass sie danach in der Schule nicht mehr mithalten konnte, hat ihr eine Rente eingebracht, von der seither die ganze Familie lebt. Sie weiß das, und träumt davon, sich in einer Stadt eine Wohnung zu mieten und ihre jüngeren Brüder zu sich zu nehmen, die im Heim wohnen, weil die Eltern Alkoholiker sind.

"Es wäre schön hier", sagt ein höchstens neunjähriger Junge, "wenn es nicht so viele Säufer gäbe". Geschwister und Spielkameraden pflichten bei. Die für Kinobesucher verstörende Armut bedrückt die Kinder kaum. Eine zerrissene Plastikplane reicht als Rodelschlitten im Winter, ein Seil mit Holzbrett  ist rasch zur Schaukel an den Baum montiert. Haus- und Hofarbeit sind so selbstverständlich, wie die Tatsache, dass nachts ein Bett mehrere Geschwister wärmt.

Zu diesem tapferen Kinderleben passt, dass die Szenen vom Regisseur immer wieder mit stimmungsvollen Landschaftsbildern untermalt werden, in denen meist ein scharfer Wind pfeift, die Blätter und das Schilf rauschen, Sand die Dünen hinabfegt, oder zumindest mächtige Wolken die Welt dramatisch überschatten.

Nur manchmal kommen als  idyllische Utopie die titelgebenden Holunderblüten ins Bild – vielleicht aber auch als Mahnung. Am Ende des Film wird aus  Johann Bobrowskis  "Die Daubas" zitiert (siehe oben), das die Region beschreibt und den Verlust "jenes Uferlands Daubas". Deutlicher wird der Dichter dem Titelgebenden Gedicht "Holunderblüte". Darin erkennt der Zuschauer sie wieder, die "Häuser in hölzerner Straße/mit Zäunen, darüber Holunder". Es schließt mahnend:

Leute, ihr redet: Vergessen -
Es kommen die jungen Menschen,
ihr Lachen wie Büsche Holunders.
Leute, es möcht der Holunder
sterben
an eurer Vergesslichkeit.