The Bands Visit

Erföffnungsfilm aus Israel

Einst, es ist nicht lange her,
landete eine kleine ägyptische Polizeikapelle in Israel.
Sie kamen, um bei einer Zeremonie aufzuspielen, doch
– ob wegen bürokratischer Irrläufer, Pech oder anderen Gründen –
sie strandeten sie schon am Flughafen.

Sie versuchten, sich alleine durchzuschlagen, nur
um in einem trostlosen israelischen Wüstenkaff zu landen.

Eine verlorene Kapelle an einen verlorenem Ort.
Kaum jemand erinnert sich. So wichtig war es nicht …

Eine poetische Einführung des Regisseurs

Es sind die scheinbar unwichtigen Dinge, die zählen. Diese Erkenntnis illustriert der melancholisch humorvolle Film des israelischen Regisseurs Eran Kolirin, der zu Recht auch in Cannes aufgefallen ist. Die Geschichte handelt von einem kleinen ägyptischen Polizeiorchester, das bei einem Gastspiel in Israel in einem Wüstenkaff strandet – aber auch von den Bewohnern des abgelegen Ortes, die nicht weniger vergessen und verloren wirken.

Man kann nicht anders als lächeln, über das vergeblich am Taxistand des Flughafens wartende achtköpfige Polizeiorchester. In ihren leuchtend hellblauen Uniformen, gleichen sie – wie einer der Musikanten auf einen anzüglichen Blick hin selbstironisch  anmerkt – einer achtfachen Karikatur von Michael Jackson in einem seiner Fantasiekostüme. Sie wirken in der kosmopolitisch-zivilen Gesellschaft operettenhaft wie Exoten.

Komisch wirkt auch das altmodisch-gestelzte Englisch, mit dem der Dirigent und Polzeioberst Tewfiq (Sasson Gabia) des Häufchens versucht, seine Musiker-Truppe zum richtigen Auftrittsort zu bringen – aus Stolz ohne Hilfe des ägyptischen Konsulats. Tewfigs steifes Auftreten trägt ihm zudem den Spotttitel "General" ein.

Da die Ägypter den Ortsnamen falsch aussprechen und es – in dem zur Hälfte von Arabern bewohnten Land – an arabischen Hinweisschildern fehlt, fährt der  Bus sie in einen gottverlassenen Wüstenort. Hilfsbereitschaft und gegenseitiges Kennenlernen mildern dort den unvermeidlichen Aufprall der Kulturen: das westlich-orientierte Israel gegen die von moslemischen Traditionen geprägte Männergesellschaft.

"Ist Ihr Gatte damit einverstanden, Madame?" Mit dieser Frage bedient der ägyptische Polizeioberst anerzogene Wertvorstellungen, als die offensichtlich alleinstehende Wirtin Dina (Ronit Elkabetz) seiner Truppe mit Notquartieren aus der Patsche hilft.  "Ich frag ihn, wenn ich ihn sehe", spottet die forsche Frau, nicht ohne sich vom altmodischen "Madame", geschmeichelt zu fühlen.


Sprachlosigkeit in Dinas Wohnung

Das emanzipiertes Auftreten seiner Wirtin bringt den steifen Oberst ständig in Verlegenheit. Ihre Gabe, Dinge energisch in die Hand zu nehmen, droht seine Befehlsgewalt zu untergraben, die derbe Methode, mit der sie eine Melone eher mordet als zerteilt, passt ebensowenig in sein Frauenbild, wie dass sie einen früheren Liebhaber und dessen Familie in aller Öffentlichkeit begrüßt.

Dina hat das Herz am rechten Fleck und erzählt, dass sie – wie der Regisseur – einst mit ägyptischen Omar-Sharif-Liebesfilmen aufgewachsen ist, die man früher auch in Israel empfangen konnte. Sie sind, wie beim Regisseur nicht spurlos an ihr vorbei gegangen. So wie Dina den Parkplatz des Ortes zum lauschigen Park erklärt, so fahndet The Bands Visit mit verhaltener Sehnsucht nach menschlicher Würde in der tristen Gegenwart.

Anders als in der High-Tech-Welt des Flughafens gibt es in dem Wüstenort wenig Beeindruckendes. Die Autos klappern, das Restaurant ist trist und leer, ohne Bedienung oder gar Tischtücher. Geldnot und Arbeitslosigkeit sind ebenso an der Tagesordnung wie streitende Familien.

Die Jugend trifft sich im schäbigen Rollschuh-Palast.  Dort muss sich ein bis zur Grobheit schüchternen Jüngling vom ägyptischen Jungmusiker Haled (Saleh Bakri) beim Umgang mit einem Mädchen helfen lassen – eine rührende pantomimische Variante des beim Liebesgeflüster soufflierenden Cyrono de Bergerac.


Ägyptische Entwicklungshilfe in Sachen Liebe

Und schließlich findet einer der Musiker beim Aufziehen einer Plüsch-Spieluhr die lange gesuchte Fortsetzung seiner arabischen Komposition.

Manchmal lohnt es sich, verloren zu gehen.