Vier Primadonnen unter einem Dach

Zur Eröffnung der Pinakothek der Moderne

Die Lichtdecke im Zentralbereich des Museums

Endlich* besitzt München ein repräsentatives Museum für Gegenwartskunst. Jahrzehntelang mussten Bayern ins Rheinland, nach Hamburg oder in die Schweiz fahren, wenn sie wissen wollten, was läuft. Heute rühmt sich der Freistaat eines der europaweit modernsten Konzepte, weil er vier Sammlungen in einer Pinakothek der Moderne, zusammenführt.

*Der Artikel erschien zur Eröffnung des Hauese im September 2002 in magazin [ku:]


Während die an Kunst interessierten Bayern das neue Haus bejubeln, krittelt der Oberste Bayerische Rechnungshofs – wie es seine Aufgabe ist – an den Kosten herum. In der Tat hatte er schon zum zweiten Mal eine Kostenüberziehung von diesmal 3,4 Millionen Euro zu beanstanden. Damit kommt der Hauptbau mit vermutlich 124,8 Millionen Euro um mehr als ein Viertel (27,4 Prozent) teurer als ursprünglich veranschlagt.

Eigentlich sollte das Projekt inklusive der für den zweiten Bauabschnitt geplanten Räumen für die Graphische Sammlung und des Museums für die Brandhorst Stiftung bei rund 200 Millionen Euro liegen. Jede Budgetüberziehung, so die Befürchtung, geht auf Kosten der Kunsteinrichtungen außerhalb der Landeshauptstadt.

Der bayerische Innenminister Günther Beckstein macht es den Verantwortlichen jedoch leicht, sich mit dem der öffentlichen Bauten nicht unüblichen Überziehungssatz, anzufreunden, wenn er sich noch nachträglich für einen schnöden Betonboden stark macht. Dabei hat der umstrittene Terrazzoboden laut Florian Hufnagl, Leiter der Neuen Sammlung, sogar weniger gekostet als ursprünglich veranschlagt.

Überhaupt beharrt die Presseabteilung des Hauses darauf, dass es sich zwar um einen der größten, gleichzeitig aber auch um einen der preisgünstigsten Museumsbauten Europas handle. Belegt wird diese Behauptung mit Vergleichsberechnungen des Architekturbüros von Stephan Braunfels, der die Pinakothek entworfen hat.



Ein voller Erfolg

Die Bedenken waren unbegründet. Schon im Mai, also 9 Monate nach der Eröffnung zählte das Haus seinen Millionsten Besucher. Die Beliebtheit insbesondere des Design-Bereichs hält an. So war das Haus auch noch 2005 mit fast 400 000 Besuchern die Nummer eins im Vergleich mit den Schwestermuseen Alte Pinakothek (208 000) und Neue Pinakothek (238 000). Auch von Ärger war wenig zu hören – außer dass sich sich Architekt von Braunfels gegen Werbung an der Aussenseite seines Gebäude zierte.



Preisgünstig ist die Pinakothek der Moderne auf alle Fälle, vereinigt sie doch vier Museen unter nur einem Dach: die Staatsgalerie der Modernen Kunst, die Neue Sammlung (Design), Staatliche Graphische Sammlung und Architekturmuseum. Das bedeutet auch, dass sich vier Museumsleiter ein Haus teilen müssen – ein heikles Unterfangen. Zweifelhaft ist, ob sich die drei Direktoren und die Kuratorin allein aufgrund des erklärten Ziels zusammengerauft hätten, hier die für die Gegenwartskunst typische Verwischung der Disziplinen abzubilden.

So aktuell und sinnvoll dieses Konzept ist, ausschlaggebend für ihre Kooperationsbereitschaft war wohl eher die gemeinsame Notsituation. So besaßen Graphische Sammlung und Architekturmuseum bislang überhaupt keine eigenen Ausstellungsräume. Die Neue Sammlung wartet seit ihrer Gründung im Jahre 1925 vergeblich auf angemessene Räume. Die Gegenwartskunst schließlich war seit 1950 provisorisch im Westflügel des Hauses der Kunst untergebracht.

In den 80er und 90er Jahren geriet Bayern jedoch durch Museumsbauten in Stuttgart, Frankfurt, Köln, Düsseldorf immer mehr unter Druck sein barockes Image zu modernisieren. Ein Haus für die Moderne musste her. Gleichzeitig jedoch hatte man die Notstände der bestehenden Sammlungen zu beheben – oder doch zu lindern. Den Bau mehrerer Häuser zu fordern, war jedoch illusorisch. So entstand die Idee, die vier notleidenden Sammlungen kostensparend in einem Gebäude unterzubringen, das dem 20. und 21. Jahrhundert gewidmet werden sollte. Auch die Direktoren des Architekturmuseums und der Graphischen Sammlung griffen zu, obwohl ihre wertvollsten Bestände aus früheren Jahrhunderten stammen.

Einigkeit und Eigenständigkeit zugleich

Das Modell verdeutlicht die Raumaufteilung mit dem zentralen Lichthof


Versüßt wurde allen vieren die Entscheidung, weil keiner seine Kompetenzen abgeben musste. Jeder blieb Herr seiner Sammlung. So machten die Direktoren aus der Not eine Tugend, lernten zusammenzuarbeiten und entwarfen das durchaus überzeugende Konzept der sich ergänzenden Sammlungen.

Wie sie sich ihre Zusammenarbeit vorstellen, zeigen die vier Sammlungsleiter bei der Eröffnung des neuen Hauses mit der gemeinsamen Ausstellung „Fotografie in der Pinakothek der Moderne.“ Sie präsentieren hier mit Künstlern wie Hiroshi Sugimoto, Thomas Demand sowie Bernd und Hilla Becher ihre jeweils unterschiedlichen Positionen der Fotografie. In diesen unterschiedlichen Perspektiven – die der Ausstellung ihre Spannung verleihen – werden die Möglichkeiten und Grenzen der Kooperation sichtbar.

Michel Semff, Leiter der Graphischen Sammlung, steckt gegenüber dem „Münchner Merkur“ die Grenzen der Zusammenarbeit deutlich ab: „Es kann nicht darum gehen, dass man bei jeder Ausstellung nach einer Vernetzung fragt.“ Allerdings schließt er gemeinsame Projekte auch nicht aus.

Es wird spannend sein, mitzuerleben, ob sich der in zwölf Jahren gewachsene Teamgeist auch nach Fertigstellung der Pinakothek erhält. Konflikte sind bereits in der Natur der Sammlungen angelegt. Besonders groß dürfte die Umstellung für die Mitarbeiter der Graphischen Sammlung und des Architekturmuseums werden. Beide bekommen zum ersten Mal eigene Ausstellungsräume, die sie allerdings nur mit zeitgenössischen Exponaten füllen sollen. Für ihre älteren Kunstwerke, darunter wertvolle Rembrandts, müssen sie weiterhin auf die Suche nach geeigneten Räumen gehen. Schon bei der Eröffnung macht Sammlungsleiter Semff eine Ausnahme. Zu diesem Anlass will er auch mit Werken von El Greco, Raffael, Rubens bis van Gogh glänzen. Denkbar ist für ihn auch, alte Meister mit jungen Künstlern zu konfrontieren.

Derartige Klimmzüge hat die Design-Sammlung nicht nötig. Sie kann sich ähnlich wie die Staatsgalerie der modernen Kunst – unbelastet von Altbeständen – in den neuen Räumen zu Hause fühlen. Je nach Ehrgeiz der Sammlungsleiter könnte es jedoch bald Gerangel um die 12 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche geben. Schließlich wollen die Staatsgalerie und die Neue Sammlung im internationalen Wettbewerb mithalten.

Umgekehrt wäre es aber auch denkbar, dass die mit Massenpublikum weniger erfahrenen Sammlungsdirektoren den ehrgeizigeren Kollegen gerne das Feld überlassen und lieber weiter nur dem kundigen Fachpublikum Exponate auf Anfrage aus den Archiven holen. Insbesondere die Mitarbeiter der Graphischen Sammlung könnten versucht sein, sich auf die der Pflege und Erhaltung ihrer wertvollen Bestände zu konzentrieren, für die sie im zweiten Bauabschnitt endlich angemessene Räume erhalten. Vorerst allerdings ist Semff, so begeistert von den neuen Möglichkeiten, dass er bereits Austellungen bis weit ins nächste Jahr hinein geplant hat.

 



"Zusammenarbeit ist eine Sache des Wollens"

Interview mit Design-Direktor Florian Hufnagl

Wie kam es zur Pinakothek der Moderne?

Vor zwölf Jahren war die Situation der bayerischen Museen, die sich mit zeitgenössischer Kunst befassten, desolat. Insbesondere Die Neue Sammlung suchte 70 Jahre lang nach angemessenen Räumen. Die Staatsgalerie der Modernen Kunst wurde ebenfalls nur provisorisch im Haus der Kunst untergebracht. Das Architekturmuseum mit seinen gigantischen Beständen fand in München überhaupt keine Ausstellungsräume. Der Graphischen Sammlung ging es keinen Deut besser. Das Verdienst des Kultusministers Hans Zehetmair ist es, dass er sich die Sachlage genau angeschaut hat. Daraus entstand ein halbes Jahr später die Idee, vier Häuser unter einem Dach zusammenzufassen. Die freie und die angewandte Kunst unter einem Dach zu zeigen, das war europaweit ein Novum.

Hat man sich mit dem einen gemeinsamen Haus für Kunst, Design, Architektur und Grafik die Kosten für vier Museen sparen wollen?

Nein, dem liegt ein inhaltliches Konzept zugrunde. Wir führen hier verschiedene Aspekte der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts zusammen.

Ist das Konzept nicht auch aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen der vier Ausdrucksformen von Kunst schwierig?

Ich würde nicht sagen schwierig, eher ungewöhnlich. Bis ins 18. Jahrhundert bildeten Malerei und Architektur eine Einheit. Erst die Aufklärung hat das heutige Schubladendenken eingeführt.

Ich meinte eher die verschiedenen praktischen Anforderungen, etwa an die Lichtverhältnisse.

Sie haben Recht. Aber diese Anforderungen waren Teil des Lastenheftes, die erfüllt worden sind. Die freie Kunst benötigt zumeist natürliches, gleichmäßiges Licht und hat daher Oberlicht erhalten. Für die Graphische Sammlung ist natürliches Licht Gift; ihr wurden dunklere Räume gegeben. Das Architekturmuseum verlangte Nordlicht und belegt jetzt den Nordtrakt. Die Neue Sammlung schließlich hat sowohl Tageslicht, aber auch Dunkelräume erhalten, um künstliches, inszeniertes Licht schaffen zu können.

Wie passen denn die Rembrandts der Graphischen Sammlung und die Architekturmodelle früherer Jahrhunderte in eine Pinakothek der Moderne?

Diese beiden Häuser werden ihre wertvollen Bestände aus den früheren Jahrhunderten ausstellen, aber nicht in der Pinakothek der Moderne. Hier werden die Exponate gezeigt, die dem 20. Jahrhundert zuzurechnen sind.

Sind diese Sammlungen dann nicht gegenüber der modernen Kunst und dem Design benachteiligt, weil für sie ständig Ausstellungsorte gesucht werden müssen?

Das dürfte nicht schwierig sein, denn Bayern ist mit Museen historischer Art reich gesegnet. Das Defizit hatten wir im Bereich der Moderne. Während der 60er Jahre entstand im Westen der Bundesrepublik ein Museum für das 20. Jahrhundert nach dem anderen. In München dagegen hat man die Tradition gepflegt, wogegen sich nichts sagen ließe, wenn es nicht einseitig auf Kosten der Moderne geschehen wäre. Mit der Pinakothek der Moderne ist diese Lücke endlich geschlossen worden, nachdem frühere Anläufe am mangelnden Stehvermögen der Beteiligten gescheitert waren.

Sind Sie mit dem Haus zufrieden?

Wir waren in die Planung involviert, haben als Juroren auch über den Entwurf mit entschieden. Trotzdem waren wir positiv überrascht, als wir zum ersten Mal die offene Anlage und die lichterfüllten Räume bewundern konnten.

Ihr Haus hat Design als Kunst definiert, die sich nützlich macht. Gilt das noch?

Das war ein gescheiter Slogan aus den 80er Jahren. Ich sehe das differenzierter. Design ist Design und Kunst ist Kunst.

Würde eine derart klare Trennung etwa bei einem Bauwerk von Hundertwasser noch funktionieren?

Nein, dafür würde sich wohl keine Fakultät zuständig fühlen. Eindeutig bestimmen lässt sich aber, dass ein Designgegenstand zwingend einen Gebrauchszweck voraussetzt. Er muss nicht Kunst sein, er kann es aber sein.
Die früher vermeintlich so eindeutig klare Trennung verwischt sich. Neudeutsch nennt man das Crossover.

Gehört es zu den Aufgaben der Pinakothek der Moderne Avantgarde zu fördern?

Avantgarde ist ein schwieriger Begriff. Wir wechseln seit hundert Jahren von einer Avantgarde in die nächste, und viele Avantgardbewegungen münden in die Moderne. So werden die Besucher bei uns Videokunst und computer culture finden.

Anders gefragt: Versteht sich das Haus eher als Museum, oder als Institution, die Neues anregt, Künstler beauftragt?

Wir gehen mit unseren Erwerbungen bis in die unmittelbare Gegenwart. Aufträge gibt es in Einzelfällen, allerdings nicht im Bereich Design. Dort haben wir es schließlich mit Produkten von Unternehmen zu tun.

In Bayern sind in jüngster Zeit sehr viele Kulturbauten entstanden. Denken Sie an das Neue Museum für Kunst und Design in Nürnberg oder das Buchheim-Museum.

Woher kommt in diesen Zeiten das viele Geld?

Bayern hat lange wenig für zeitgenössische Kunst getan. Dafür geschieht das nun umso gründlicher. Zu meiner Studienzeit mussten wir für die Moderne nach Frankfurt, Hamburg oder ins Rheinland fahren. Bayern bezeichnet sich in der Verfassung als Kulturstaat und ich bin froh, dass das jetzt auch auf das Hier und Jetzt angewandt wird.

Nochmal zum Geld. Wer bezahlt das Museum?

Ausschließlich der Freistaat Bayern.

Es gibt auch noch eine Stiftung Pinakothek der Moderne, die rund 15 Millionen Euro dafür gesammelt hat.

Der Freistaat hat seinen Baubeschluss davon abhängig gemacht, dass zehn Prozent der Bausumme von privaten Geldgebern aufgebracht werden. Auf diese Weise sollte das Interesse an einem solchen Museum der Moderne festgestellt werden. Nach den ursprünglich projektierten Baukosten von rund100 Millionen Euro, ging es für eine private Spendenanktion um die ungeheuer hohe Summe von zehn Millionen Euro. Dennoch kam das Geld in erstaunlich kurzer Zeit zusammen – zum Teil von großen Unternehmen, aber auch durch viele kleine Spenden aus der Bevölkerung. Diese Aktion hat viel dazu beigetragen, Akzeptanz für den Museumsbau bei der Bevölkerung, aber auch bei dem einen oder anderen Minister zu schaffen. Ohne die Stiftung gäbe es das Haus vielleicht nicht.

Warum hat das Haus nicht einen, sondern vier Leiter? Wie koordinieren Sie sich mit Ihren Kollegen?

Wir treffen uns je nach Bedarf. Zurzeit stimmen wir uns sehr häufig ab. Es ist eine Frage des Wollens. Unser Modell wird zwar noch wenig praktiziert, ihm gehört aber die Zukunft. Wenn wir schon ein so schönes Haus nutzen können, dann sollten wir uns auch die Bälle zuspielen. Die Wege sind kurz, denn wir beziehen hier alle Büros. Die Verantwortung bleibt aber weiter in den einzelnen Kompetenzbereichen.

Gibt es konkrete Pläne für gemeinsame Aktionen?

Zur Eröffnung des Hauses wird es eine gemeinsame Ausstellung mit Fotografien geben. Dieses Medium eignet sich für die freie Kunst ebenso wie für Architektur, Grafik und Design. Allerdings gibt aus den verschiedenen Blickwinkeln verschiedene Ansätze damit umzugehen, deshalb sprechen wir von „Positionen der Fotografie“. Genau das ist es, was wir hier machen wollen: die Vielfalt schöpferischer Leistung zeigen. Das Übergreifende ist zudem ein Gestaltungskennzeichen des 20. Jahrhunderts, dem wir verpflichtet sind.

Warum tragen die vier Leiter unterschiedliche Titel wie Direktor, Leitender Direktor oder Kuratorin?

Das sind historische Titel, die in den Bereichen entstanden sind, aus denen wir jeweils kommen und für die wir ja auch verantwortlich bleiben.

Gibt es unter diesen Voraussetzungen eine gemeinsame Finanzierung?

Es gibt ein gemeinsames Budget für Querschnittsaufgaben wie Führungen, Veranstaltungen oder Öffentlichkeitsarbeit sowie für das Aufsichtspersonal. Das gilt allerdings für alle Häuser des bayerischen Staates.

Wie sieht es mit der Ausstattung für die Kunst selbst aus?

Das wissen wir noch nicht, aber da wird sich sicher einiges ändern müssen.

Warum?

Weil zum Beispiel der Architektur-Leiter Winfried Nerdinger für seine Objekte bislang über gar keine eigene Ausstellungsfläche verfügte. Bei mir hat sich die Fläche in etwa verzehnfacht. Hinzu kommt, dass wir jetzt Dauerausstellungen zu unterhalten haben. Schließlich sind wir mit vielen technischen Geräten wie DVD-Playern, Computern oder Flachbildschirmen ausgestattet. Diese Technik muss für die Besucher sechs Tage die Woche funktionieren. Das kostet Geld.


Die vier Museen

Beuys, Das Ende des 20. Jahrhunderts (Ausschnitt)

Architektur
Mit dem von Stephan Braunfels entworfenen Gebäude hat das Architekturmuseum der Technischen Universität ein zusätzliches Ausstellungsstück erhalten. Schon jetzt ist die von Winfried Nerdinger geleitete Institution mit 350 000 Zeichnungen, 100 000 Fotografien und 500 Modellen Deutschlands größte Spezialsammlung für Architektur.

Dazu gehören Werke von Balthasar Neumann, Erich Mendelsohn, Le Corbusier, Günther Behnisch und Shigeru Ban. Ursprünglich eingerichtet wurde die Sammlung 1868 ursprünglich, um die Architekturstudenten der damals neuen Technischen Universität mit Anschauungsmaterial zu versorgen.


Design
Schon der Gründungsdirektor des Staatlichen Museums für angewandte Kunst hat anno 1925 München verlassen, weil er keine Ausstellungsräume für seine Objekte erhielt. An dieser Situation hat sich bis auf den heutigen Tag nur wenig geändert. Jetzt findet die Neue Sammlung mit ihren 50 000 Exponaten eine Heimat im Museum der Moderne. Zu sehen sind dort Alltagsgegenstände von der Teekanne bis zum Motorrad, von der Lampe bis zum Computer. Es werden aber auch Plakate, Verpackungsmaterial und Textilen gezeigt.


Kunst

Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand die Staatsgalerie Moderner Kunst aus lediglich sechs Gemälden, darunter allerdings Werke von Matisse, Marc, Corinth und Kokoschka. Dieser Kern wuchs aber rasch durch großzügige Stiftungen, so dass in den fünfziger Jahren eine provisorische Unterkunft im Westflügel des Hauses der Kunst freigemacht wurde. Obwohl weitere Schenkungen diesen engen Rahmen bald sprengten.

Dennoch musste die Sammlung bis zum Bau der dritten Pinakothek warten. Dort gehört zu ihren Schwerpunkten die klassische Moderne von Max Beckmann, Vladimir Kandinsky, Paul Klee, René Magritte und Pablo Picasso. Hinzu kommen zeitgenössische Werke von Bacon, Baselitz, Beuys, Polke, Warhol und viele mehr. Aktuelle Kunst ist unter anderem mit Video-Installationen etwa von Pipilotti Rist oder Bruce Naumann vertreten.

Grafik
Die 1758 gegründete Staatliche Graphische Sammlung gehört mit 400 000 Blättern zu den weltweit führenden Kabinetten. Die Werke umfassen alle Epochen der Graphik vom 15. Jahrhundert bis zur Moderne, vom Rembrandt bis Blinky Palermo. Trotzdem wurde sie nach dem Krieg behelfsmäßig am Königsplatz in einem Verwaltungsgebäude der Nationalsozialisten untergebracht.

Erst jetzt bekommen die Blätter angemessene Ausstellungsflächen in der Pinakothek der Moderne sowie in nach dem zweiten Bauabschnitt Räume, die der Pflege und Erhaltung der Sammlung angemessen sind.


Bürger für die Kunst

Mit solchen Tassen wurde um Geld für den Bau der Pinakothek der Moderne geworben.

Jahrzehntelang haben die Barockkirchen, Ludwigs Märchenschlösser, die Oper und die alte Pinakothek die Kulturpolitik Bayerns geprägt. Einzig die Münchner Kammerspiele wagten den Aufbruch in die Moderne. Mit der Münchner Olympiade und dem immer noch futuristischen Zeltdach weiteten sich langsam die Sinne auch der Kulturobrigkeit.

Der Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Neuen Pinakothek wurde in seiner italienisch lebensfrohen Architektur zu einem Hoffnungsträger, dessen Exponate – weit gehend aus dem 19. Jahrhundert – jedoch das Fehlen eines Hauses für die Gegenwartskunst nur um so schmerzlicher vor Augen führten. Der Druck stieg, als in Stuttgart, Frankfurt und am Rhein ein modernes Museum nach dem anderen aus dem Boden schoss. Schwierig wurde es auch, weil die modernen Bestände in den Sammlungen durch Zukäufe und Schenkungen ständig anwuchsen. Wertvolle Kunstwerke gammelten in den Archiven vor sich hin.

Anfang der 90er Jahre erbarmte sich die Staatsregierung und entwickelte den Plan einer Pinakothek der Moderne. Der Bau der Pinakothek sei wünschenswert, aber nicht dringlich, hieß es allerdings noch in einer Verlautbarung der Bayrischen Staatsregierung von 1993. Außerdem sollten die Bürger zu den Baukosten beitragen, um die Ernsthaftigkeit des Anliegens praktisch zu beweisen.

Daraufhin gründete sich die Stiftung Pinakothek der Moderne und bot an, zehn Prozent der Baukosten beizusteuern – ein schwer abzuschlagendes Angebot. In der Tat erfolgte daraufhin die Baugenehmigung unter der Bedingung, dass die Bürger tatsächlich die Riesensumme von 20 Millionen Mark aufbringen. Dieser Betrag wurde erstaunlich schnell binnen dreier Jahre gesammelt, bald waren sogar auf 30 Millionen Mark in der Stiftungskasse. Aufgebracht wurden die vor allem von der lokalen Wirtschaft, die zum Teil Millionen-Beträge spendete. Siemens und BMW haben zudem den Baugrund für das Museum freigemacht. Aber auch die kleinen Einzelspenden der Bürger summieren sich auf einen Millionenbetrag.

Diese eindrucksvolle Aktion trug viel dazu bei, die Akzeptanz für das Museum sowohl in der Bevölkerung als auch bei der Staatsregierung zu befördern. Ohne das Engagement seiner Bürger hätte Bayern keine Pinakothek der Moderne bekommen.