Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Der Film zum Bild von Johannes Vermeer van Delft

Wenig ist über den niederländischen Maler Johannes Vermeer van Delft bekannt. Die Lücken füllt jetzt der Film des gelernten Kunsthistorikers Peter Webber, der die fiktive Geschichte des „Mädchens mit dem Perlenohrring“ erzählt.

„Wie ist es Vermeer gelungen, das Mädchen so schauen zu lassen? ... Ich konnte das Drama und den Konflikt in ihrem Blick erkennen.“ Mit diesen Sätzen erklärt Tracy Chevallier nicht nur, wie sie zu einem Roman über ein Bild kam, das seit ihrem 19. Lebensjahr in ihrem Schlafzimmer hängt. Sie verrät damit zugleich die Komposition von Roman und Film. Er handelt davon, wie das schüchterne Dienstmädchen Griet (Scarlett Johansson) im kinderreichen Haushalt der Vermeers die Aufmerksamkeit des Malers auf sich zieht, sich eine zarte, aber ausweglose Beziehung entspinnt, die in eben den Blick mündet, der das Bild so faszinierend macht.

Der Perlenohrring wird zum Symbol des dramatischen Beziehungsgeflechts aus Emotionen, sozialen Unterschieden, wirtschaftlichen Zwängen und künstlerischem Anspruch. Vermeer (Colin Firth) sieht in der Perle das unerlässliche Glanzlicht, um die Komposition abzurunden. Seine Frau will ihren Schmuck nicht der scheinbaren Nebenbuhlerin (dem Mädchen, aber auch der Malerei) überlassen. Die puritanischen Delfter Kleinbürger würden den Schmuck als Lohn für eine sündige Buhlschaft deuten und als eitlen Versuch des Mädchens, sich über ihren Stand zu erheben. Kein Wunder, dass sich Griet verweigert. Wenn sie dennoch nachgibt, dann nicht nur wegen des Drängens der strengen und geschäftstüchtigen Schwiegermutter, auch nicht nur wegen der Zuneigung zu ihrem Dienstherrn. Sie hat von dem Maler und seinen Bildern gelernt, dass Vermeer Recht hat. Das Bild braucht die Perle.

Regisseur Peter Webber hat viel Aufwand getrieben, um die Welt Vermeers auferstehen zu lassen. Er widerstand jedoch der Versuchung, einen dramatischen Kostümschinken à la Hollywood zu produzieren. Vielmehr ging es ihm darum, die Stimmung auf Vermeers Bildern einzufangen, in Handlung umzusetzen. Dabei war es nicht immer leicht, die kontemplative Ruhe der Bilder mit einem Haushalt in stimmige Übereinstimmung zu bringen, in das gerade das siebte Kind hineingeboren werden sollte. Eine Szene, die zeigt, wie ähnlich die Probleme von Regisseur und Maler waren: Mitten im Trubel gießt die „Milchmagd“ (1658/60) Milch aus einer Kanne in eine Schale um. Die Vorsicht nichts zu verschütten, schlägt in Kontemplation um. Der eigentliche Ruhepol des Hauses ist jedoch das Atelier, das den Darstellungen auf den Bildern detailgetreu nachgebaut wurde. Das Spinett mit der Malerei auf der Innenseite des Flügels taucht auf, der rote Perserteppich, der als Tischdecke dient und vor allem die lichte Fensterfront mit ihren Butzenscheiben. Andere Werke des Künstlers werden auf der Staffelei zitiert.

Doch es geht nicht um Kunstzitate. Alle Details, wie auch die Handlung stehen im Dienst einer poetischen Erklärung des Bildes. Die leicht geöffneten Lippen und die weiten Augen von Griet, setzt die aus „Lost in Translation“ bekannte Scarlett Johansson immer dann ein, wenn sie sich unbeobachtet fühlt und vor allem wenn sie etwas Neues entdeckt, etwa die viele Farben der Wolken. Dieses Staunen mit Augen und Mund ist ein Charakterzug wie ihre Schüchternheit, die Vermeer nur entdecken und malen muss. Die turbanähnliche Kopfbekleidung des Mädchens soll die Haare verbergen, deren Anblick nur dem Geliebten zusteht. Nur einmal beobachtet Vermeer sie heimlich, und die Lockenpracht verschlägt ihm wie den Zuschauern den Atem – denn in diesem kurzen Augenblick wird aus dem Mädchen eine Frau.

Vermeer van Delft

Das einzige Bild, das vermutlich den 1632 in Delf geborenen Johannes Vermeer darstellt, stammt von ihm selbst, zeigt ihn aber nur von hinten (Ruhm der Malerie, 1666/67). Von seiner Kindheit und Ausbildung ist nichts bekannt. Die erste belegte Erwähnung erfährt er, als er 1652, nach dem Tod seines Vaters, dessen Kunsthandel übernimmt. Ein Jahr später wird er als gelernter Maler in die Lukasgilde aufgenommen. Der Beruf gilt damals in Delft noch als Handwerk. Im selben Jahr tritt er zum Katholizismus über, um seine Catharina Bolnes, die Tochter einer wohlhabenden Patrizierfamilie heiraten zu können. Mit ihr hatte er elf Kinder.

Eine wichtige Rolle spielte die geschäftstüchtige und kunstliebende Schwiegermutter Marie Thins, mit der die Familie ab 1660 in einem Haus wohnte. Sie half immer wieder mit Geld aus, da Vermeer aufgrund seiner aufwändigen Technik nicht von der Malerei leben konnte. Er hat wohl insgesamt rund 50 Bilder gemalt, von denen 36 erhalten geblieben sind. Unter ihnen befinden sich einige religiöse Darstellungen, Ansichten der Stadt Delft, vor allem aber Genrebilder mit jungen Frauen beim Lesen eines Briefes, beim Anlegen einer Kette, dem Umschütten von Milch. Viele dieser Szenen wurden im Atelier des Künstlers inszeniert. Schon diese Beschränkung zeigt, dass es ihm nicht nur um das möglichst genaue Schildern der jeweiligen Szene oder um die Berherrschung der Perspektive ging. Vielmehr wollte er die Wahrnehmung des Betrachters beeinflussen – ein Verfahren, das heute noch funktioniert. Besonders auffällig ist die Ruhe, die von den Bildern ausgeht, wenn man sich bewusst macht, wie turbulent es in dem Haushalt mit elf Kindern und mehreren Bediensteten zugegangen sein muss.

Trotz seiner geringen Produktivität und seines Übertritts zum Katholizismus scheint er in Delft, seiner Stadt mit 25 000 Einwohnern, ein hoch angesehener Mann gewesen zu sein, da 1662 er mit nur 30 Jahren zum Vorsteher der Malergilde berufen wurde. In dieser Zeit wurde er öfter von anderen Malern besucht, er selbst jedoch ging – so weit man weiß – nie auf Reisen.

Die Zeiten wurden immer schwieriger. Schon 1662 wanderte viele Maler nach Amsterdam oder Den Haag ab. Bald darauf zog Kriegsgefahr auf, so dass immer seltener in Kunst investiert wurde. Anfang der 70er Jahre wuren die Kriege Ludwigs XIV. gegen Holland zu einem allgemeinen wirtschaftlichen Problem, insbesondere für die Vermeers, weil dadurch die Einnahmen der Schwiegermutter versiegten. Als Johannes Vermeer 1675 im Alter von 43, vermutlich an einer Herzattacke starb, hinterließ er seiner Familie hohe Schulden.

in magazin [ku:] eins 2004


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2004: Das Mädchen mit dem Perlenohrring