Kunstanspruch diesseits von Hollywood

Diskussion auf dem Münchner Filmfest

Auf dem Münchner Filmfest wurden nicht nur Kino- und Fernsehproduktionen gezeigt, sondern auch die Werke, die vor allem in Museen und Galerien zu sehen sein werden. Geplant war ein Crossover, eine Begegnung von Kunst und Kommerz. Bei der Panel-Diskussion über Video-Art und Experimentalfilm blieb die eher kommerzferne Kunst jedoch unter sich.

„Faszinationen – Vom Blickzwang der Bilder“ lautetet das Motto, dem sich ein siebenköpfiges Fachgremium stellte. Es diskutierten der neue Leiter vom Haus der Kunst Chris Dercon, der Publizist und Kurator Edwin Carels, die Professorinnen Lydia Haustein und Gerburg Treusch-Dieter, die Video- und Aktionskünstler Christian Jankowski sowie Björn Melhus, die Filmemacherin Ulrike Ottinger. Die Themen des Moderators Elmar Zorn liefen vor allem bei den anwesenden Künstlern oft ins Leere. So konnten sie wenig mit Zorns Frage zur Authentizität anfangen. Melhus, Ottinger und Jankowski verstehen sich vielmehr als Gestalter, als Künstler eben.

Auch bei der Frage nach dem Blickzwang durch Bilder waren die Positionen rasch abgesteckt: Als Schöpfer von Bildern entwickeln die Künstler kaum kritische Distanz zu ihnen. Sie mögen was sie schaffen, ihr Umgang damit ist Handwerk, Kunst. Jankowski bekennt: „Ich bin dem Bildzwang genauso erlegen wie das Publikum.“
 
Ganz anders die beiden Professorinnen. Treusch-Dieter ist beim Thema Blickzwang offensichtlich in ihrem Element. Sie hält ein Plädoyer dafür, die Zusammenhänge zwischen Macht und Bildern aufzudecken. Es sei gefährlich, sich ohne diese genaue Kenntnis einfach ein Bild zu machen. Sie steht offensichtlich in der Tradition einer medienkritischen Theorie, die Generationen von Schülern mit Verführungskraft der Werbung vertraut machte. Haustein repräsentiert aktuellere Forschungsmoden und versucht Bilder nach Theorien aus Kunst (Iconic Turn) und Neurophysiologie zu analysieren, um so eine neue interdisziplinäre Theorie zu schaffen. Dabei will sie – ganz entgegen dem bisherigen Brauch der Kunsthistoriker – auch die Künstler in diesen Prozess einbeziehen.

Die Experten aus den Museen hielten mit ihrer Meinung eher hinter dem Berg. Kurator Carels betonte wie wichtig die Frage nach der Bedeutung von Bildern sei, während Dercon sich vor allem freute, dass sich die Künstler wieder intensiver der Bildtechnik zuwenden. Damit wäre das Thema Blickzwang abgehakt gewesen, hätte nicht das Publikum auf Klärung bestanden. Die folgende Diskussion führte rasch über die Kunst hinaus zu Fernsehbildern, mit denen zappende Zuschauer im eigenen Kanal gehalten werden und zur Pentagon-Strategie, die Welt mit möglichst vielen Kriegsbildern aus dem Irak zu überfluten, weil, so Hausstein, das Nachdenken über wenige Bilder erfahrungsgemäß zum kritischen Nachdenken führt. Die Diskussion mündete in die Ablehnung von Überwachungskameras auf öffentlichen Plätzen durch Treusch-Dieter und ihre Feststellung, dass es die Aufgabe der Kunst sei, gegen den Missbrauch von Bildern Widerstand zu leisten.

Die Filmkünstler haben diesem Statement zwar nicht direkt widersprochen. Ottinger verweist allerdings darauf, dass Manipulation durch Bilder nichts Neues sei. Sie gehöre nicht nur zu ihrem Handwerkszeug, sondern sie sei Teil der dem Menschen angeborenen Gabe der Selbstinszenierung.

Jankowski berichtet von einem Projekt mit einem amerikanischen Fernsehprediger, das die Grenzen von Kunst, Kult und Kommerz verschmelzen lässt. In dem für das Fernsehen und das Internet inszenierten Gottesdienst hat der Künstler zudem auf einen Teil der Autorenschaft an den Prediger abgegeben, der auch große Teile des Films geschnitten und für seine Zwecke verwendet hat. Abschließend zu diesem Thema fragt der Künstler, ob er unschuldiger bleiben könne, wenn er auf bildnerische Aussagen verzichten würde.

Kunst und Kommerz

Seit Jahrzehnten greifen Bildende Künstler zur Kamera, machen so genannte Videokunst. Ihre Ergebnisse gelten als technisch stümperhaft, bildnerisch langweilig und inhaltlich verkopft. Den Stichproben auf dem Münchner Filmfest zufolge hat sich daran wenig geändert. Dennoch waren hier Arbeitsproben zu sehen, die in mehrerer Hinsicht wegweisend sein können.

Dass Filmkunst von hoher Qualität sein kann, demonstrierten die Werke von Christian Jankowski und Ulrike Ottinger, denen eigene Progammreihen gewidmet wurden. Aber auch bekannte Videokünstler wie Björn Melhus und Bill Viola würdigten Münchens Filmfest mit ihren Diskussionsbeiträgen. Auch sie haben sich ihre Sporen auf ähnlichen Veranstaltungen verdient.

In einer Medienstadt mit Filmhochschule ist es auch aus anderen Gründen nur konsequent, den Experimentalfilmern rund zehn Prozent des Programms gestalten zu lassen. Profis von Geiselgasteig bis zur Werbebanche sehen sich filmische Experimente an, um sich Anregungen für Musikvideos und Spezialeffekte zu holen. Außerdem lassen sich hier begabte Nachwuchsmitarbeiter anwerben.

Förderpreis Experimentalfilm

Unter den rund 80 Beiträgen der Filmfest-Sektion VideoArt & Experimental Film wurde „Losing a Highway“ (2002) von Mirko Kubein mit dem Bild-Kunst Experimental Film Förderpreis ausgezeichnet. Die mit 25 000 Euro verbundene Auszeichnung der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst belohnt die kreative Auseinandersetzung mit neuen  künstlerischen Ausdrucksformen. Der Film lotet inhaltlich, ästhetisch und technisch die internetbasierte Streaming-Verfahren aus. Vor dem   Hintergrund medientheoretischer Reflexion, wird ein Mann präsentiert, der etwas leisten soll, was er nicht kann, es dennoch versucht und scheitert. Er gibt jedoch nicht auf, und seine Obsession zieht ihn schließlich in eine Endlosschleife, in der er sich gänzlich auflöst.

in magazin [ku:] fünf 2003


Filmfest München 2011

Das wichtigste Thema:

Kinder sind die Helden. In unserer Welt müssen sie es sein.

In früheren Jahren:

2010: Jenseits von Bollywood
2009: TV-Vorschau und Kunst
2008: Anspielen gegen Fussball
2007: The Band's Visit
2007: J'attends quelqu'un
2007: Holunderblüte
2006: Winterreise
2004: Das Mädchen mit dem Perlenohrring