Der Reiz des Unfertigen

Die Skizzen von Johann Georg Dillis

Johann Georg Dillis lebt im Umbruch vom Absolutismus zum Bürgertum. Loyal dient er dem bayerischen Herrscherhaus, verkehrt seit frühester Jugend in den adeligen Kreisen Münchens. Als Kunstberater erwirbt er der jungen Monarchie eine repräsentative Gemäldesammlung, für sich jedoch skizziert der Künstler die Landschaften und Menschen, die er liebt – und immer wieder Wolken.

Johann Georg Dillis liebte es, diesen Ausblick von seinem Bürofenster in den Residenzarkaden zu skizzieren. Dabei kam es ihm weniger auf die prächtige Theatiner-Kirche an, als auf die Wolken, die sich um die Türme versammelten.

Dillis’ Karriere ist ohne Hilfe des bayerischen Herrscherhauses nicht vorstellbar. So wurde er als Sechsjähriger vom Landesfürsten Max III. Joseph aus den ärmlichen Verhältnissen seiner dreizehnköpfigen Familie nach München geholt. Dort bekam er nicht nur seine schulische Ausbildung, sondern wurde schon früh in die aristokratischen Kreise eingeführt.

Nach dem Tod seiner Gönners, sah er sich allerdings gezwungen, Theologie und Philosophie zu studieren. Doch schon kurz nach seiner Priesterweihe im Jahr 1782 zeichnete sich ab, dass der junge Abbé als Zeichenlehrer für die Münchner Hofgesellschaft ein Auskommen finden würde. In dieser Rolle begleitete er 1788 auch den Sohn des Grafen Preysing auf eine Reise an den Rhein. Dort bekam Dillis die Gelegenheit den erst zweijährigen Kronprinzen Ludwig zu porträtieren. Dieser Auftrag öffnete ihm Türen, die ihm bislang verschlossen waren.

Geschätzt wurde er am Hofe aber weniger für seine Malkunst, als für seine kunsthistorischen Kenntnisse. So bestellte ihn zwei Jahre später Herzog Karl-Theodor zum Inspektor der kurfürstlichen Bildergalerie. In dieser Funktion beriet er den bayerischen Adel, vor allem aber den Herzog sowie seine Nachfolger Max Joseph und insbesondere Ludwig I. in Kunstfragen. Außerdem gehörte es zu seinen Aufgaben, die Exponate für die Gemäldesammlung zu erwerben, die heute in der Alten Pinakothek gezeigt werden. Im Bewusstsein seiner Zeitgenossen war Dillis daher vor allem Kunstbeamter.

Anders als heutige Kulturmanager gelang es Dillis, Künstlertum und Kunstverwaltung zu vereinen. Er hat sich sein Leben lang als Maler verstanden, dem es lediglich an Zeit fehlte, seine vielen Studien in Gemälde umzusetzen. Dillis nutzte jede Gelegenheit, um Skizzen anzufertigen, von denen das Lenbachhaus nun (Herbst 2003) einige ausstellt.

Intime Beobachtungen

Gesellschaftsabend in einem der ersten Salons des bayerischen Adels: Die Tochter des Hauses unterhält die Gäste an der Harfe. Niemanden stört es, dass Dillis ein Blatt Papier zückt und begeistert das ins Spiel versunkene junge Mädchens skizziert. Indiskretionen sind vom Inspektor der kurfürstlichen Galerie nicht zu befürchten, verkehrt er doch schon seit Jahren im Haus.

So oder ähnlich könnte es gewesen sein, als er die Harfenspielerin gleich zweimal skizzierte, so sehr faszinierte ihn die Hingabe des jungen Mädchens. Mit höfischer Malkunst hat das 1785 entstandene Bild nichts mehr zu tun. Es atmet die Lebendigkeit eines gelungenen Schnappschusses. Das Statuarische mit dem die Herrschaften auf Bildern nicht nur sich, sondern auch ihre Stellung zur Darstellung bringen wollen, fehlt hier völlig. Das Augenmerk des Künstlers gilt so sehr dem individuellen Ausdruck, dass die Zuhörer der Harfenspielerin bedeutungslos werden.

Verfolgt Dillis hier ein bürgerlich-aufklärerisches Kunstideal? Gegen diese These spricht seine Bereitwilligkeit, den Anforderungen der Käufer nachzukommen. Hier handelt es sich allerdings um eine der rund 10 000 Studien, die in seinem Nachlass gefunden wurden. Diese Blätter waren nicht für den Verkauf gedacht und sind in mehrfacher Hinsicht privat. Die Intimität von Szenen, wie die der Harfenspielerin, beruhen auf dem stillschweigenden Vertrauen der Porträtierten, dass Dillis diese Bilder nicht veröffentlicht. Das Zeichnen wird als eine liebenswerte Grille des kunstbeflissenen Gastes akzeptiert. Mit einem anderen Verhalten hätte er seine Stellung als Schützling der Münchner Hofgesellschaft riskiert.

Die meisten Bilder waren nicht für die Öffentlichkeit gedacht, weil Dillis sie für misslungen hielt, für unfertig oder, weil er in ihnen Vorstudien zu einem späteren Bild sah. Dafür, wie für fast sein ganzes zeichnerisches Werk gilt, dass er sich weder der Fachkritik noch dem Kunstmarkt stellte. Es ist daher schwer, seine Absichten kunsthistorisch zu bewerten. Dennoch ist es nicht zufällig, dass die ungezwungene Atmosphäre auf den heutigen Betrachter immer noch modern wirkt. Dillis stand der Aufklärung durchaus nahe und verleugnete nie seine „niedrige“ Herkunft. Bildnerischen Ausdruck fand diese Haltung zum Beispiel darin, dass er Bauern, Jäger, Arbeiter, Wahnsinnige mit der gleichen Sorgfalt und Individualität darstellte, wie seine adelige Klientel. Beim Malen machte er keine Standesunterschiede.

Das gleiche galt auch für seine eigene Großfamilie, von denen eine Reihe Bilder erhalten sind. Für sie entwickelte sich der Galerieinspektor mit der Zeit zum Haupternährer. Wichtig für Leben und Werk war, dass der Abbé mit 49 Jahren unerwartet zu einer eigenen Familie kam, als er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder bei seiner eben verwitweten Schwägerin Maria Anna einzog. Gäste lobten die ausgesprochen glückliche Atmosphäre des Haushalts und die  wohltuende Wirkung auf Dillis.

Dazu trug vor allem die junge Schwägerin bei, die seine Muse und wichtigstes Modell wurde. Er sah in ihr offensichtlich das Muster mütterlicher Schönheit und stellte sie mehrfach in der Art einer Venus Genetrix dar. Dabei brachte er seine Idee spontan in der Bildsprache der Rokokotradition zum Ausdruck, hier mit Kindern, die wie antikisierene Putten am Rockschoß der biedermeierlichen Venus hängen. Die gefühlsbetonte Darstellung von Müttern mit Kindern, die Darstellung von Frauen unter sich zeigten die neue bürgerlich-adelige Kultur der Familie, die damals nicht nur am bayerischen Hof Einzug hielt.

Obwohl Dillis nur aus Existenzangst Geistlicher wurde, und sich kurz nach seiner Priesterweihe von allen seelsorgerischen Pflichten entbinden ließ, ist erstaunlich, dass es von ihm kaum Bilder mit theologischem Inhalt zu geben scheint. Eine Ausnahme bilden lediglich Landschaftsbilder, auf denen die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten als Staffage dient. Unklar ist, ob er sich mit dem ironischen Selbstporträt „Abbé au Toilette“ über sich, seinen Stand oder die lose Moral des Rokoko lustig macht. Auf dem Bild setzt er den jünglinghaften Abbé den erotischen Reizen zweier  dekolletierten Damen aus, die ihn in ihrem Boudoir umhegen. 


Italienische Veduten

Elterliche Planung: Wer soll unseren Jungen auf seine Grand Tour durch Frankreich und Italien begleiten? Ideal wäre der Hofmaler Dillis. Er gilt als angenehmer Reisebegleiter, ist hoch gebildet, spricht die Sprachen, kennt die Länder und in Italien alle Leute von Rang. Außerdem kann er die Reise mit Veduten und Landschaftsbilder dokumentieren. Sie würden sich gut machen im blauen Salon. Allerdings steht zu befürchten, dass er derzeit bei der Requirierung der klösterlichen Kunstgüter unabkömmlich ist.

Dillis reiste gern und viel, besonders nach Italien. Häufig handelte es sich um Geschäftsreisen, bei denen er über Ankäufe für die Staatsgemäldesammlung verhandelte oder den Transport nach München überwachte. Nach Italien kam der Zeichner 1794 erstmals als Reisebegleiter von Sir Gilbert Elliot, den er in Livorno treffen sollte. Dieser war aber überraschend zum Vizekönig von Korsika ernannt worden. Der Brite stand jedoch zu seinem Versprechen, Dillis gegen einige Zeichnungen die Studienreise durch Italien zu finanzieren. So ging Dillis allein auf Grand Tour. Seine längste Reise unternahm er vom Mai 1805 bis Februar 1807. Sie begann als Urlaub und führte zu einem Treffen mit dem inzwischen 20jährigen Kronprinzen Ludwig, den er als Zeichner durch Südfrankreich begleitete. Als älterer Herr von fast 60 Jahren reiste er 1817 noch einmal mit Ludwig nach Rom und Sizilien.

Unterwegs lernte er viele Künstler wie Angelika Kaufmann in Rom oder den Hofmaler Andrea Appiani in Mailand kennen. In Neapel fielen ihm Zeichnungen in weißer Kreide auf blauem Papier von Athanase Chauvin auf – eine Anregung die er bald aufgreifen sollte. Ansonsten erstellte er fleißig für seine Reisegesellschaft Veduten, gefällige Wiedergaben erkennbarer Sehenswürdigkeiten mit vorgegebenen Kompositionselementen wie Vordergrundsrampe, standardisierten Baumschlag, passender Staffage und heller Ferne. Vorgaben machten aber nicht nur die Auftraggeber.

Zu Theorie und Stil der damaligen Zeit gehörte es, die südlichen Landschaften durch die Brille der antiken Literatur zu betrachten. Gebildete Menschen genossen damals am meisten Landschaften, die sie mit Theokrit- und Vergil-Zitaten belegen konnten. Hinzu kam, dass die Studienreisen dazu dienten, die klassischen Vorbilder aufzunehmen, um sie zu Hause nachzubilden. Dillis befreite sich jedoch mit jedem Italienbesuch (insgesamt elf) immer mehr von derartigen Vorgaben.

Für sich nutzte der Maler diese Reisen, um einen „Reichtum an Studien“ zu erstellen, die er, so klagte er dem Kronprinzen Ludwig 1817, „nie werde zur Ausbeute bringen können, erdrückt von lauter Berufsgeschäften“.


Landschaften und Wolken

Wolken über der Theatiner-Kirche, Skizze in Ölkreide von Hermann Gfaller, 2006, möglichst genau nach einer Dillis-Vorlage.

Noch immer sind nicht alle Exponate für die Pinakothek beschafft. Dillis blickt von seinem überladenen Schreibtisch hoch und durch das Fenster seiner Büros in den Himmel über den Hofgarten. Er schiebt die Akten zur Seite, zieht blaues Büttenpapier aus der Schublade und skizziert mit schwarzer und weißer Kreide die Wolken, die gerade vorüberziehen.

Dillis verstand sich von Anfang an als Landschaftsmaler. Bestärkt wurde er darin von seinem Förderer, dem Grafen Rumford, einem aus Amerika geflohenen Physiker mit aufklärerischen Ideale, der in Bayern für seine Dienste geadelt wurde. Er hatte das Heer modernisiert, Armenspeisungen und die Kartoffel eingeführt sowie den englischen Garten initiiert. Graf Rumford vertrat englische Vorstellungen von Landschaftsmalerei, empfahl seinem Schützling hinauszugehen und die schönsten Gegenden im Freien zu malen. Auf diese Weise wurde Dillis einerseits zum Entdecker der oberbayerischen Landschaften, andererseits hielt es Dillis davon ab, Studiomaler zu werden. Stattdessen gewöhnte er sich an, alles zu zeichnen, was gerade sein Interesse weckte. Dieser Vorgehensweise verdanken wir eine Reihe mittelmäßiger Landschaftsgemälde und viele weit spannendere Gelegenheitsskizzen.

Ein Großteil des Nachlasses besteht aus Motiven seiner unmittelbaren Umgebung. Immer wieder zeichnet er den Blick aus seinem Bürofenster in den Hofgarten, auf die Residenz, zur Theatinerkirche und in den von Wolken belebten Himmel. Anhand der vielen Zeichnungen lässt sich der Weg rekonstruieren auf dem sich Dillis gerne in der Mittagspause erholte. Er spazierte von seinem Büro durch den englischen Garten zur Isar und von dort – an der Praterinsel vorüber – zur Kohleninsel, auf der heute das Deutsche Museum steht, und von dort zurück zur Residenz.

Der Reiz der auf den Spaziergängen entstandenen Skizzen rührt auch daher, dass er nicht darauf angewiesen war, für den Kunstmarkt seiner Zeit zu produzieren. Wie bei den Menschendarstellungen (siehe oben) hat ihm diese Unabhängigkeit geholfen, sich von ästhetischen Konventionen zu lösen und seinen eigenen Weg zu finden. Zu seinen beeindruckendsten Pinselzeichnungen gehört die Theatinerkirche bei Mondschein, vor 1795. Was heute wie ein schwarz-weiß gedrucktes Farbbild wirkt, wurde meisterlich in Grauschattierungen gemalt.

Während solche Bilder auf die Romantik verweisen, erinnern vielen Darstellungen aus dem Englischen Garten und vom Isarufer an das Vorbild Claude Lorrains. Oft überhöht Dillis diese Landschaften zudem mit Tempeln oder Darstellungen der Flucht nach Ägypten – eines seiner ganz wenigen religiösen Motive. Ursprünglich schulte sich Dillis an niederländischen Meistern und lernte über Rumford auch Bilder englischer Landschaftsmaler kennen. Auf seinen vielen Italienreisen löste er sich nach und nach von diesen Vorbildern. Stattdessen rückte immer mehr das Interesse am Licht in den Vordergrund.

Fasziniert haben den Zeichner auf seinen Spaziergängen immer wieder die Bäume. An einigen nimmt er Anteil wie an einem Menschen. Sie rahmen nicht Landschaften oder Szenen ein, sondern sind selbst der zentrale Gegenstand. Manche Bäume zeichnet er zu jeder Jahreszeit und registriert empfindsam die kleinsten Unterschiede in der Beleuchtung. Stetig erprobt er neue Möglichkeiten, die atmosphärische Dichte der Laubkronen darzustellen.

Zu den spannendsten Experimenten des Zeichners gehören seine Wolkenbilder. Laut Ausstellungskatalog bilden sie den originären Beitrag der Künstlers zur Moderne um 1800. Die meisten von ihnen malte er von seinem Amtszimmer in der Hofgartengalerie aus. Für sie vervollkommnete er die Technik des blau gefärbten Büttenpapiers, auf die die amorphen Himmelsgebilde mit weißer und schwarzer Ölkreide aufgetragen wurden. Der farbige Hintergrund des Papiers sorgt dafür, dass trotz der Kreidetechnik ein malerischer Eindruck entsteht. Das Blau gibt die Unendlichkeit des Firmaments wieder. Es ist heute schwer zu glauben, dass Dillis in diesen kraftvollen Kompositionen nur Studien und Skizzen gesehen haben soll. Manchmal helfen die Dächer der Residenz oder der Theatinerkirche am unteren Bildrand bei der Orientierung, oft aber kommt er ohne diese räumliche Hilfestellung aus.

Dillis war nicht der einzige, aber der erste deutsche Künstler, der sich mit der Darstellung von Wolken auseinandersetzte. Jean Baptiste Corot, Caspar David Friedrich und Adolf Menzel, um nur einige Beispiele zu nennen, begannen damit erst in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts. Dieses Interesse ist durchaus literarisch vermittelt. So wird im Ausstellungskatalog aus Wilhelm Heinses Künstlerroman „Ardinghello“ zitiert:

„Wenn ich ein Landschaftsmaler wäre (...), ich malte ein ganzes Jahr weiter nichts als Lüfte (...). Welch ein Zauber, welche unendlichen Melodien von Licht und Dunkel und Wolkenformen und heiterem Blau! Es ist Poesie der Natur.“


September/Oktober 2003
in magazin [ku:]