Auf der Suche nach dem Künstler-Gen

Künstlerbrüder - Von den Dürers zu den Duchamps

Im Münchner Haus der Kunst sind derzeit die Werke von über 50 Geschwisterpaaren vom Mittelalter bis heute zu vergleichen. Die Ausstellung glänzt mit großen Namen wie Asam, Breughel, de Chirico, Dürer, Duchamps oder Dufy. Desto unnötiger war es, sie zum pseudowissenschaftlichen Experiment hoch zu stilisieren.

Cosmas Damian Asam, Selbstbildnis mit seinen Brüdern Egid Quirin (über der Schulter) und dem Musiker Philipp Emanuel.
Ende 2.Jahrzehnt des 18.Jhs.,Öl auf Leinwand, 116 x 89 cm
© Diözesanmuseum für christliche Kunst des Erzbistums München und Freising, Quelle: Haus der Kunst


"Wie viel Kunst liegt in den Genen?" Dieser Frage geht das Haus der Kunst mit rund 120 Exponaten vom Mittelalter bis zur Gegenwart nach. Die Hypothese: "Die Verwurzelung in ein und demselben soziokulturellen Milieu wirkt sich maßgeblich auf die Formung der künstlerischen Persönlichkeit vor allem von Spätergeborenen aus." 

Offensichtlich sind die Forscher im Haus der Kunst allesamt Einzelkinder, sonst hätten sie schon in frühen Jahren erfahren, dass Nachahmung und Abgrenzung zu den zentralen Verhaltensweisen von Geschwistern gehören. Und nichts ist natürlicher als gegen eine großen Bruder oder eine große Schwester zu rebellieren, die fast alle glauben, ihr Alters- und Erfahrungsvorsprung verleihe ihnen Autorität.  

Pseudo ist das Experiment auch deshalb, weil es zur Erforschung von genetisch oder sozial bedingter künstlerischer Prägung kaum eine ungünstigere Konstellation als die Geschwistersituation gibt. Nirgendwo sonst vermischen sich angeborene und erworbene Eigenschaften zu einem derart unentwirrbaren Knoten. Fast scheint es, als sei den Ausstellungsmachern das Problem bewusst. So skizzieren sie im Katalog eine "saubere" Laborsituation, bei der zwei frühkindlich getrennte Brüder, sich unabhängig voneinander zu Malern für das gleiche Sujet entwickeln. Doch die Geschichte bleibt Fiktion, weil sich in der Realität kein derartiges Beispiel findet – zumindest nicht unter den 1500 einschlägigen Biografien.  

Doug und Mike Starn, Video-Still von "Orbit Motte", Motten, die eine Glühlampe umkreisen. © 2005 Doug and Mike Starn / Artists Rights Society (ARS), New York, Quelle: Haus der Kunst

Dankbar nimmt der Betrachter wahr, dass der Erkenntniswille vor der Peinlichkeit halt gemacht hat, neben die hochklassigen Meisterwerke die dilettantischen Versuche der Geschwister zu hängen. Diese Auswahl nach Qualitätskritierien verhindert allerdings grundlegend eine unvoreingenommene Aussage über ein künstlerisches Gen. Vielleicht gibt es ja sehr viel mehr Künstler, deren Geschwister völlig unbegabt waren. 

Das bedeutet nicht, dass sich die Wissenschaft nicht intensiv mit der Frage nach dem Künstler-Gen beschäftigt. Schließlich warten dem  Zeitgeist verfallene Eltern-in-spe angeblich sehnsüchtig darauf, ihren geplanten Nachwuchs gentechnisch optimieren zu lassen. Dazu passt das wissenschaftliche Vortragsprogramm zur Ausstellung. 

Angesichts dieser theoretischen Überfrachtung tut sich der Betrachter schwer, die Bilder als solche wahrzunehmen. Er will stattdessen vergleichen, sucht nach Ähnlichkeiten, fahndet nach Aufgabenaufteilung, Familienkonflikten und anderen kunstfernen Spuren.

Fündig werden die Besucher dank eines kleinen kostenlosen Heftchens voller biografischer Details über die ausgestellten Künstlerfamilien. Darin erfahren sie wie Raoul Dufy, die Leistung seines Bruders Jean verschweigt, der berühmte Frauenheld Casanova seinen jüngsten Bruder Francesco bei der Malerei unterstützt und gleichzeitig den mittleren Bruder Giovanni verachtet, der Angelica Kauffmann und Johan Joachim Winkelman im Zeichnen unterrichtete. 

Suzanne Duchamp, Porträt des Bruders Marcel Duchamp, Lithographie 1953, Privatsammlung. Daneben Marcel Duchamps Schneeschaufel-Ready-made, Dem gebrochenen Arm voraus, 1915/1964, Edition Arturo Schwartz, 7/8, 1964 © Succession Marcel Duchamp / VG Bild-Kunst, Bonn 2005, Quelle: Haus der Kunst

Auffällig sind die vielen Familienbetriebe in diesem Metier. Albrecht Dürer versucht aus dem Bruder Hans einen brauchbaren Künstler zu machen, der Maler Cosmas Damian und sein Bildhauerbruder Egid Qurin Asam ergänzen sich erfolgreich bei der Ausstattung von Barockkirchen. Der Familienbetrieb der bayerischen Kunstdynastie Adam ernährte die Familie über Generationen bis ins späte 19. Jahrhundert. Und auch heute noch tun sich Geschwister zusammen, um gemeinsam den Erfolg zu suchen.

Viel Raum erhalten im Haus der Kunst die Paare Christine und Irene Hohenbüchler sowie Jake und Dinos Chapman. Erstere fallen mit überlebensgroß gezeichneten Kinderportraits auf,  "mit denen die traditionellen Begriffe von Meisterschaft und Vollendung in Frage gestellt werden sollen." Dieses Ziel gehen die Schwestern durch naiv wirkende Technik an.  

Jake und Dinos Chapman, Injury to Insult to Injury (Salz in die Wunden streuen), 2004: Vier Überarbeitungen und Verbesserungen von Francisco de Goyas 80 Stichen der Mappe "Schrecken des Krieges, Ausschnitt, © Fürst Thurn und Taxis Sammlungen.Fotos: Stephen White

Das Mittel der Chapman-Brüder gegen den etablierten Kunstbetrieb ist die Provokation. Im Haus der Kunst zeigen sie ihre politisch wenig korrekte Version von Francisco Goyas "Schrecken des Krieges". In den Radierungen haben sie die Opfer mit Comic-ähnlichen Fratzen versehen. Damit steigern sie noch das Grauen der Bilder, lenken es aber von den Tätern auf die Opfer, um "unser moralisches Empfinden zu verunsichern". Vor allem geben die beiden Briten in einem Video einen wertvollen Hinweis auf die Gründe, die Geschwister zur gemeinsamen künstlerischen Arbeit zusammenbringen: Geschwister kennen sich so gut, dass man mit ihnen offener als mit anderen über neue Projekte sprechen kann – falls sie sich vertragen.

Geschwister zahlen für eine Person,
Zwillinge und Mehrlinge haben freien Eintritt. 
bis 22. Januar 2006 im Haus der Kunst

Hermann Gfaller
Dezember 2005 für magazin [ku:]